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Histoire croisée

Ewa Anklam und Matthias Schwerendt

Das Konzept der Histoire croisée ist aus der Debatte über die Bedingungen und Möglichkeiten einer transnationalen Erweiterung von Gesellschaftsgeschichte und der Konzeptionalisierung von Vergleich und Kulturtransfer entstanden. Histoire croisée grenzt sich vom Kulturtransfer ab aufgrund ihrer Skepsis gegenüber dem Eigenleben von transnationalen Milieus, Bewegungen, Sprachen, Werten oder Institutionen. Die Nation wird im Konzept der Histoire croisée als eine zentrale Orientierungseinheit angesehen. Es verlangt jedoch, dass transnationale Untersuchungen jeder Art sich intensiv mit den oft grundlegend unterschiedlichen Perspektiven in anderen, verglichenen Gesellschaften auseinandersetzen, in diesem Sinn immer wieder die Perspektive wechseln und dadurch reflexiver werden.

Histoire croisée ist den Konzepten von entangled und shared history eng verbunden. Jene legen auch transnationale Vorgänge und Verflechtungen frei, die von der nationalen Geschichtsschreibung verdeckt wurden. Histoire croisée geht jedoch weiter, indem sie eine spezifische Verbindung von der Beobachterposition, dem Blickwinkel (der Vergleichsebene) und dem Objekt (den Vergleichskategorien) konstruiert. Verflechtung wird also als ein aktiver Vorgang und als Ergebnis historischer und gegenwärtiger Prozesse betrachtet. Im Zentrum des Arbeitens mit dem Konzept der Histoire croisée steht, wie sich die verschiedenen Analyseebenen zueinander verhalten. Entscheidend dabei ist nicht primär, was verflochten wird, sondern vielmehr die Art und Weise der Verflechtung.

Zentral für das Konzept der Histoire croisée ist die Entwicklung eines Verfahrens, das soziohistorische Erkenntnis aus der Perspektive einer spezifischen Raum-Zeit-Konstellation heraus erzeugt. Der traditionelle historische Vergleich geht von einer Synchronie historischer Verläufe aus, Geschichte hat aber prinzipiell mit Diachronie zu tun. Histoire croisée reflektiert die Tatsache, dass die Vergleichsobjekte – unabhängig davon, ob es sich um soziale Kategorien, Institutionen oder ästhetische Gebilde handelt – in zweierlei Hinsicht historisch bedingt sind. Einerseits sind sie in ihrem spezifischen Entstehungszusammenhang zu deuten, womit ihre Besonderheit erklärt werden kann. Andererseits stehen diese singulär definierten Objekte in einer lebendigen Beziehung mit anderen Objekten des sozialen, politischen und kulturellen Lebens. Dieser spezifische Interaktionszusammenhang bewirkt eine Verschiebung von Grenzen und Definitionen. Zudem fließen bei dem Konzept der Histoire croisée die eigene Sprache und Begrifflichkeit, das kulturelle Referenzsystem sowie die persönliche Erfahrung des Beobachters in die Beobachtung komplexer soziokultureller Vorgänge ein.

Welche Konsequenz ergibt sich daraus für eine europäische Geschichte? Europäische Geschichtsschreibung ist nach diesem Konzept weder eine Addition der einzelnen nationalen Geschichten, noch eine neue globale Einheit, die sich über die gängigen nationalen und regionalen Logiken stülpt. Das Neue kann entstehen aus der Interaktion von nationalen, regionalen und transnationalen Fragestellungen und Konflikten. Das bedeutet letztendlich, dass eine europäische Geschichte in der Perspektive von Histoire croisée keine homogene Totalität Europas erzeugt, sondern je nach Fragestellung europäische Transnationalität als eine unter mehreren sich wechselseitig erhellenden Untersuchungsebenen oder als spezifische Dimension des Zugangs zu politischer und sozialer Realität begreift. Das Konzept der Histoire croisée ist dabei geeignet, die Blickweisen auf die Untersuchungsgegenstände des Historikers produktiv zu verunsichern, da aus der dynamischen Differenz der Sichtweisen, die das Verfahren der Verflechtung systematisch erzeugt, ein eigener Erkenntniszusammenhang entsteht, der die jeweiligen eigenen Standpunkte reflektiert und relativiert.


Literatur:

Budde, Gunilla, Sebastian Conrad und Oliver Janz (Hrsg.): Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien. Göttingen 2006.

Kaelble, Hartmut: Die Debatte über Vergleich und Transfer und was jetzt? In: http://geschichte-transnational.clio-online.net/transnat.asp?type=diskussionen&id=574&view=pdf&pn=forum (eingesehen am 15. September 2008).

Ther, Philipp: Deutsche Geschichte als transnationale Geschichte: Überlegungen zu einer Histoire Croisée Deutschlands und Ostmitteleuropas. In: Comparativ 13/4 (2003), S. 155-180.

Werner, Michael und Bénédicte Zimmermann: Vergleich, Transfer, Verflechtung. Der Ansatz der Histoire croisée und die Herausforderung des Transnationalen. In: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), S. 607–636.

(Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2009)

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