Rezeptionsforschung
Stephan Kyas
Der Begriff Rezeption beschreibt im Bereich der Kommunikationswissenschaft einen komplexen Prozess der Auseinandersetzung von Individuen mit medialen, d.h. symbolvermittelten Inhalten. Dieser Handlungsverlauf lässt sich in einzelne Rezeptionsphasen unterteilen: Beginnend mit der Zuwendung zu einem Medieninhalt, steht die Interaktion von Nutzer und Angebot im Mittelpunkt des Rezeptionsprozesses, bevor Medienerfahrung und eigene Lebenswelt in einer Aneignungsphase miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Nach einer Definition von Charlton (1997) beschäftigt sich die Rezeptionsforschung mit nutzerrelevanten inhaltlichen und formalen Eigenschaften von Kommunikaten, mit psychologischen und sozialen Bedingungen der Rezeption und hier besonders mit der Verbindung zwischen Medienkommunikation und Individualkommunikation sowie mit der Beziehung zwischen Mediensystem und Alltagswelt der Teilnehmer. Rezeptionsforschung stellt ein interdisziplinäres Forschungsfeld dar, das nach Gehrau (2002) auf der Mikroebene Medienakteure und Medienaussagen als Gegenstände analysiert und häufig in die zwei eher idealtypischen Bereiche Nutzung und Wirkung eingeteilt wird. Während die Nutzungsforschung, vom Rezipienten ausgehend fragt, was die Menschen mit dem Medienangebot machen, untersucht die Wirkungsforschung, ausgehend vom Medieninhalt, die Konsequenzen der Auseinandersetzung mit medialen Inhalten. Da in neueren Veröffentlichungen zunehmend beide Perspektiven als unterschiedliche Aspekte eines Phänomens aufgefasst bzw. mit übergeordneten theoretischen Ansätzen verbunden werden, betreffen die Rezeptionsforschung im weiteren Sinne alle Studien und Ansätze der Nutzungs- und der Wirkungsforschung und in einem engeren Sinn solche, die eine konkrete Nutzer-Angebot-Interaktion zu Grunde legen.
Entwickelt vornehmlich in der Kommunikationswissenschaft und der Medienpsychologie, bedient sich die Rezeptionsforschung unterschiedlicher theoretischer Konzepte, in erster Linie kommunikationswissenschaftlicher, interpretativer und psychologischer Ansätze. Typische kommunikationswissenschaftliche Herangehensweisen soziologischer Prägung untersuchen Gruppen oder Populationen und lassen sich in beschreibende (Media- und reine Mediennutzungsforschung, z.B. repräsentative Bevölkerungsumfragen) und erklärende Ansätze gliedern (Wirkungsforschung, Nutzungsperspektive, Verbindungen beider Bereiche, z.B. Uses-and-Gratifications-Approach). Interpretative Modelle fokussieren nutzerzentriert das Individuum als Alltagshandelnden und verknüpfen häufig soziologische und kulturwissenschaftliche Theorien (z.B. cultural-studies, Modell der strukturanalytischen Rezeptionsforschung). In der Psychologie werden unterschiedliche Ansätze aus den Bereichen Emotion, Kognition, Motivation und Persönlichkeit zur Erklärung der Medienrezeption verwendet (z.B. dynamisch-transaktionaler Ansatz).
Methodische Herangehensweisen in Studien zur Rezeptionsforschung lassen sich grob in drei Bereiche unterteilen, die häufig mit obigen theoretischen Ansätzen korrespondierenden:
- In kommunikationswissenschaftlichen Untersuchungen werden größtenteils sozialwissenschaftlich-quantitative Verfahren meist in Form von stark strukturierten Befragungen mit standardisierten Fragebögen und deutlich seltener, Beobachtungen oder Inhaltsanalysen angewendet, um untersuchte Phänomene zu beschreiben oder zu erklären.
- Dagegen greifen interpretative Ansätze vorwiegend auf qualitative Befragungs- und Beobachtungstechniken mit dem Ziel der exemplarischen aber umfassenderen Analyse weniger aussagekräftiger Untersuchungseinheiten zurück.
- Psychologisch orientierte Studien führen schließlich vor allem experimentelle Laborstudien durch, die ein Höchstmaß an Kontrolle der Untersuchungssituation gewährleisten sollen, um Störeinflüsse ausschließen und sichere Kausalbeziehungen im Bereich sozialer Phänomene herstellen zu können.
Schließlich lassen sich verschiedene Nutzungsmodi und deren Einfluss auf den Rezeptionsprozess unterscheiden, wobei der am häufigsten untersuchte Modus die Interaktion mit Medienfiguren im Sinne para-sozialer Beziehungen darstellt. Weiterhin können Arten der Rezeption in instrumentelle vs. habituelle, involvierte vs. distanziert-analytische sowie spielerische Nutzung differenziert werden.
Literatur
• Charlton, Michael: Rezeptionsforschung als Aufgabe einer interdisziplinären Medienwissenschaft. In: Michael Charlton und Sylvia Schneider (Hrsg.): Rezeptionsforschung. Theorien und Untersuchungen zum Umgang mit Massenmedien. Opladen: Westdeutscher Verlag 1997, 16-39.
• Gehrau, Volker: Eine Skizze der Rezeptionsforschung in Deutschland. In: Patrick Rössler, Susanne Kubisch und Volker Gehrau (Hrsg.): Empirische Perspektiven der Rezeptionsforschung. München: Verlag Reinhard Fischer 2002, 9-47.
• Leffelsend, Stefanie, Martina Mauch und Bettina Hannover: Mediennutzung und Medienwirkung. In: Roland Mangold, Peter Vorderer, Gary Bente (Hrsg.): Lehrbuch der Medienpsychologie. Göttingen: Hogrefe 2004, 51-71.
• Neumann-Braun, Klaus (2005): Strukturanalytische Rezeptionsforschung. In: Lothar Mikos und Claudia Wegener (Hrsg.): Qualitative Medienforschung. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz 2005, 58-66.
(Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2009)
