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Selbst- und Fremdbilder

Gerdien Jonker

Am Anfang steht das Erkennen, gesteuert von einem doppelten Identifizierungsvorgang: dem Ein- und dem Ausschluss. Der Erkennende unterscheidet: Das hier gehört zu mir/uns, das da aber nicht. Diese Grundoperation heißt mit einem technischen Terminus: to draw a distinction, eine Unterscheidung treffen. Die Linie, welche die Unterscheidung markiert, verläuft immer zwischen ich/wir und nicht-ich/nicht-wir. In der Selbstbeschreibung schwingt die Beschreibung des Fremden, von dem man sich abgrenzt, immer mit.

Der zweite Schritt wird von den nachfolgenden coding operations gesteuert: Generalisierung und Kategorisierung. Dabei geht es um Reduktion von Komplexität, um ein In-Bezug-Setzen und darum, das neue Wissen so aufzubereiten, dass sich daraus Handlungsmöglichkeiten ergeben. Aus Generalisierungen können unter bestimmten Bedingungen Stereotype und Klischees entstehen. Nicht selten erwachsen daraus Feindbilder. Der kognitive Prozess ist aber vorgeschaltet, er hierarchisiert und generalisiert mit dem Ziel, Handlungspotentiale bereitzustellen. Er ist vor allem ein dynamischer Prozess, in dem das, was zuerst als fremd erschien und ausgegrenzt wurde, sich des Öfteren verändert und schließlich doch noch inkorporiert wird.

Selbst- und Fremdbeschreibungen stellen kollektive Bilder bereit. Das sind Vorstellungen, die mit Hilfe spezifischer Semantiken gleichsam „gemacht“ werden. Sie fassen das Wesentliche zusammen, ohne sich um Zwischentöne oder gar Abweichungen zu kümmern und werden bei Bedarf in  jeder Lage wiederholt. Indem Wir-Gruppen stets Anderen zuschreiben, was sie selber nicht sind (sein wollen), bestätigt ihre Fremdbeschreibung fortlaufend die eigenen Selbstbeschreibungen.  Man könnte sogar soweit gehen zu sagen, dass die Fremdbeschreibung nichts anders als eine Funktion der Selbstbeschreibung ist. Fundierte Erkenntnisse über die andere Gruppe erbringen sie jedenfalls nicht.

Akzeptieren die als fremd Etikettierten das ihnen Zugeschriebene nicht, so entstehen daraus Spannungen. Man spricht dann von contested stereotypes, die wiederum drei Eigenschaften haben: Sie entstehen in bestimmten historischen Situationen; sie sind langlebig; und sie weisen eine ausgeprägte Dynamik auf. In den meisten Fällen sind die beiden Gruppen, die Selbstbeschreiber und die als fremd Etikettierten, in einander verhakt (entangled), so zum Beispiel die europäische Kultur („der Aufklärung verpflichtet“) und der Orient, dem Europa im Laufe der Zeit ein wahres Potpourri von negativen Eigenschaften zugeschoben hat: barbarisch und exotisch, rückständig und fremdartig, nicht vertrauenswürdig und mit einem generischen Zug zur Gewalt versehen.

Selbstbeschreibungen sozialer Gruppen sind per definitionem normativ and damit auch konstitutiv für das Wir-Gefühl. Die Gruppe legt fest, wie sie sein soll, und damit stellt sie die Weichen für die Sozialstrukturen, die die Umsetzung garantieren. Darum sagen die Systemtheoretiker, dass die Grenze zum „Nicht-Wir“ von den Sozialstrukturen gezogen wird. Wenn das Wir sich zum Beispiel als demokratisch und modern beschreibt, als individuell und den Menschenrechten verpflichtet, dann müssen seine Sozialstrukturen garantieren, dass die Wirklichkeit dem auch (zumindest einigermaßen) entspricht. Der Andere erhält in diesem Prozess die Etikette, die das Wir nicht haben will: mittelalterlich und autoritär, rechtlos, gewalttätig  und in struktureller Ungleichheit verhaftet. Bleibt die Frage, wieso die Etikette landen, wo sie landen. Und damit fängt unsere Forschung an.

Literatur
• Bruner, Jerome, Jacqueline Goodnow and George Austin: A Study of Thinking. New Brunswick, NY: Transaction Books (1956) 1986.
• Stichweh, Rudolph: Selbstbeschreibung der Weltgesellschaft. In: Jörg Baberowski, Hartmut Kaelble und Jürgen Schriewer (Hrsg.): Selbst- und Fremdbilder. Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel. Frankfurt am Main: Campus 2008, 21-53.
• Sträth, Bo: Europe and the Other and Europe as the Other. In: Jörg Baberowski, Hartmut Kaelble und Jürgen Schriewer (Hrsg.): Selbst- und Fremdbilder. Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel. Frankfurt am Main: Campus 2008, 191-205.

(Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2009)

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