Jutta Braun und Ulrich Hagemann (Hg.): Deutschland – einig Fußballland? Deutsche Geschichte nach 1949 im Zeichen des Fußballs. Fachdidaktische Handreichung zur politisch- historischen Urteilsbildung (Christine Sauerbaum-Thieme und Thomas Thieme)

Die Publikation „Deutschland – einig Fußballland? Deutsche Geschichte nach 1949 im Zeichen des Fußballs“ enthält fünf vollständig ausgearbeitete Unterrichtssequenzen, die jeweils neben einem einführenden Basaltext zur historischen Teilproblematik auch einen didaktischmethodischen Kommentar und eine Ablaufplanung einschließlich sämtlicher Kopiervorlagen enthält. Angesichts des in letzter Zeit konstatierten Mangels an Kenntnissen über die DDR-Diktatur sowie höchst problematischen Urteilen über diese Diktatur in der heutigen Schülergeneration soll in der nachfolgenden Besprechung der einzelnen Unterrichtssequenzen folgende Leitfrage beantwortet werden: Leisten die einzelnen Unterrichtssequenzen einen Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur im Geschichts- und Politikunterricht?
Die Publikation will „am Beispiel des deutsch-deutschen Fußballs“ zeigen, „mit welchen Mechanismen die SED – Diktatur (...) das Alltagsleben der ostdeutschen Bevölkerung mit ihrem Herrschaftsanspruch umfassend durchdrang“. In der „wissenschaftlichen Einführung“ geben Jutta Braun und René Wiese einen Einblick in die deutsche Fußballgeschichte von 1945 bis 1990 als „Bestandteil der Geschichte der Ost-West-Konfrontation“. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis rundet diesen Überblick ab. In der „didaktischen Einführung“ hebt Ulrich Hagemann die Einsetzbarkeit der Unterrichtssequenzen in den Sekundarstufen I und II gemäß den Bildungsplänen der Länder hervor. Die von ihm genannten und erläuterten „Prinzipien kompetenzorientierter Unterrichtsgestaltung“ bilden die Grundlage aller fünf Unterrichtssequenzen: „Thematisierung“, „didaktische Zugangsweise“ und „methodische Umsetzung“. Das Themenspektrum der fünf Unterrichtssequenzen reicht vom sog. „Hammer-Zirkelstreit“ 1959/60, über die Gewaltausbrüche auf ostdeutschen Fußballfeldern, die Fluchten erfolgreicher Fußballsportler in den Westen, die Mitgliedschaft von Ostdeutschen in westdeutschen Fußballvereinen bis zur Problematisierung der Fußballweltmeisterschaften von 1954, 1974, 1990 und 2006.
Durch die von Jörg Ziegenhagen und Deborah Mohr konzipierte Sequenz zum sog. „Hammer- Zirkel-Streit“ sollen die Analyse-, Orientierungs- und Urteilskompetenz der Schülerinnen und Schüler mit Hilfe der didaktischen Zugangsweise der „Differenzierung“ geschult werden. Den inhaltlichen Kern der Unterrichtssequenz bildet das Fußballspiel zwischen Hertha BSC und ASK Vorwärts am 8. Juni 1960, bei dem die Ostberliner Mannschaft auf ihrem Trikot das Hammer- Zirkel-Emblem trug. Die methodische Umsetzung der Erarbeitung der verschiedenen Positionen ist insofern sinnvoll, als sich die Schüler jeweils auf die Repräsentanz der Betrachtungsebenen Sport und Politik in den von ihnen bearbeiteten Texten einigen müssen. Eine gewisse Zurückhaltung sei gegenüber dem Arbeitsauftrag geboten, aus der jeweiligen Sicht der vorliegenden Quellen einen Radiokommentar verfassen zu sollen. Die mit diesem Auftrag verbundene Absicht, eine Perspektivübernahme bzw. einen Perspektivenwechsel zu bewirken, durch die eine Sachurteilsebene vorbereitet werden soll, birgt die Gefahr einer Werterelativierung. Dieser Einwand sei vor allem als Anregung für weitere fachdidaktische Diskussionen zu verstehen, in denen die Grenzen eines solchen Arbeitsauftrages erörtert werden müssten. Das Arbeitsblatt zur zeitgeschichtlichen Entwicklung (1945-1961) müsste – bezogen auf den didaktischen Schwerpunkt der Sequenz – in seinem Umfang deutlich reduziert werden. Die vorliegende Sequenz könnte damit im Idealfall eine Sensibilisierung gegenüber nostalgischen Verhaltensweisen von Jugendlichen leisten. Denn inzwischen lässt sich z. B. bei Schülerinnen und Schülern immer wieder ein demonstratives und weitgehend unreflektiertes Zeigen von DDR-Emblemen beobachten.
Bei der zweiten Sequenz „Gewalt in der ,Dritten Halbzeit' in der DDR – kriminelle oder politische Aktionen?“ stellt sich vor dem Hintergrund des Themas der Publikation die Frage, warum die Autorin die Gewaltausbrüche auf westdeutschen Fußballfeldern nicht mit einbezogen hat, was mit den beiden Kategorien problemlos möglich gewesen wäre. Dennoch bietet gerade die Beschäftigung mit der inoffiziellen Perspektive der Stasi die Möglichkeit, den spezifisch diktatorischen Umgang mit gesellschaftlichen Phänomenen zu problematisieren und damit ein Wesenselement der DDR-Diktatur zu verdeutlichen. In der dritten Sequenz der Publikation werden von Jörg Ziegenhagen die Fluchten von Helmut Schön und Lutz Eigendorf hinsichtlich ihres Erfolges (als leitender Kategorie) untersucht und dazu sehr unterschiedliche Quellengattungen (Autobiografie, Interview, Zeitungsartikel, IM-Bericht) berücksichtigt. Damit gewinnt die Sequenz gerade bezüglich ihres Anspruches der Exemplarität an Bedeutung. Eine Diskussion über die Besonderheiten sowie die verallgemeinerbaren Aspekte der deutsch-deutschen Fluchten kann die politische Urteilsfähigkeit der so unterrichteten Schülerinnen und Schüler nur befördern. Zu bedauern ist, dass die Autoren den Tod von Lutz Eigendorf lediglich mit der Bemerkung streifen, dass „(er) 1983 bei einem ungeklärten Autounfall (starb)“.
In der vierten Sequenz legen Anne Lützelberger und Deborah Mohr eine Beschäftigung mit der Hertha-Mitgliedschaft in Ost-Berlin nach dem Mauerbau vor. Als leitende Kategorie wird die Frage nach gefühlter oder gelebter Mitgliedschaft formuliert. Im Mittelpunkt steht die Analyse von Briefen Ostberliner und Ostdeutscher Herthaner. Aufgrund der Wiedergabe der Texte in der ursprünglichen Form (Leserbrief, handschriftlicher Brief, Schreibmaschinenbrief, vom MfS abgefangener Brief) wird die Authentizität der Aussagen in den Briefen unterstrichen. Das geschickte methodische Arrangement (Schreiben der Ergebnisse auf farblich unterschiedliche Papierstreifen) ermöglicht es, auch die Ergebnisse der jeweils anderen Gruppen zur Kenntnis zu nehmen und sie bei der Urteilsbildung zu berücksichtigen. Insgesamt wird durch diese Sequenz ein Beispiel deutsch-deutscher Verbundenheit über den Mauerbau hinweg thematisiert und damit ein Gegenentwurf zu der manchmal noch sichtbar werdenden Betonung des Unterschiedes zwischen Ost und West angeboten. Die fünfte von Jörg Ziegenhagen und Deborah Mohr konzipierte Sequenz thematisiert die Fußballweltmeisterschaften von 1954, 1974, 1990 und 2006.
Als leitende Kategorie wird die Frage nach der gemeinsamen oder geteilten nationalen Identität aufgeworfen, also eine sehr anspruchsvolle Fragestellung, die auch nach der Wiedervereinigung trotz gemeinsamer Verfassung und Nationalhymne nicht an Bedeutung verloren hat. Aufgrund des umfangreichen multiperspektivischen Quellenangebots zu den vier Fußballweltmeisterschaften entspricht die methodische Umsetzung der intendierten Problemorientierung. Bei der Materialbasis hätte man sich manchmal mehr Genauigkeit in den Quellenangaben gewünscht. Wie auch in der ersten Sequenz wird für diese ein breites Vorwissen vorausgesetzt, so dass die Einbindung der Sequenz in eine größere Unterrichtsreihe genau bedacht werden muss. Die Beschäftigung mit der Frage der nationalen Identität ist im zusammenwachsenden Europa eine unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen dieses über Deutschland hinausgehenden Einigungsprozesses.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die jeweiligen Sequenzen einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur leisten können, zumal die unterrichtenden Lehrer den Wertmaßstab des Grundgesetzes anlegen, um die im Vorwort von den Herausgebern formulierte Absicht der „Aufarbeitung der SED-Diktatur im Schulunterricht“ zu leisten. Dafür reicht es nicht aus, verschiedene Quellen zu analysieren und miteinander zu vergleichen. Die demokratische Überzeugung des Unterrichtenden wird als Vorbild dienen können. Dies schließt eine deutliche Charakterisierung der DDR als Diktatur der SED mit ein, ohne in eine pauschalisierende Abwertung der individuellen Lebensgeschichten der Bewohner der ehemaligen DDR zu verfallen.
Hartmut von Hentig stellt in seinem Buch „Ach, die Werte“ fest, dass das Vorbild des unterrichtenden Lehrers eine wesentliche Bedingung dafür darstelle, demokratisches und an den Werten des Grundgesetzes orientiertes Denken und Handeln zu bewirken. Unabhängig davon, beschäftigt sich die vorliegende Sammlung von Unterrichtssequenzen leider nur mit dem Männerfußball, und dies in einer Zeit, da die erste gesamtdeutsche weibliche Fußballnationalmannschaft Weltmeister geworden ist.

Die Handreichung ist im Jahre 2008 im Schneider Verlag Hohengehren GmbH erschienen und kann direkt bei Cultus zum Vorzugspreis von 15,00 € bezogen werden (cultus-ev(at)web(dot)de).

Zitierhinweis:
Sauerbaum-Thieme, Christine und Thomas Thieme. „Rezension von Jutta Braun und Ulrich Hagemann (Hrsg.): Deutschland – einig Fußballland? Deutsche Geschichte nach 1949 im Zeichen des Fußballs. Fachdidaktische Handreichung zur politisch- historischen Urteilsbildung“ Eckert.Beiträge 2009/9. www.edumeres.net/urn/urn:nbn:de:0220-2009-00616.

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