Was ist ein gutes Schulbuch? (Robert Maier)

Die Qualität eines Schulbuchs wird je nach Blickwinkel des Betrachters nach sehr verschiedenen Kriterien beurteilt. Ein Graphiker wird ein Buch mit anderen Augen ansehen als als ein Schüler, ein Jurist in Diensten eines Kultusministeriums wird es anders beurteilen als die Eltern des Schülers und ein Verleger kommt u.U. zu anderen Einschätzungen als ein Lehrer oder Wissenschaftler. Von Didaktikern ist ebenfalls kein einhelliges Urteil zu erwarten. Zu sehr unterscheiden sich die verschiedenen „Schulen“. Was dem einen als Vorzug erscheint, gilt einem anderen u.U. als Mangel.   In der Praxis ist es in der Regel so, dass eine besondere Originalität oder Innovation, Anschaulichkeit oder Ausführlichkeit in einem Schulbuch durch Abstriche an anderer Stelle „erkauft“ wird.  Denn die Beschränkungen des Platzes sind so unerbittlich wie andere Parameter, die sich mit dem Medium Schulbuch verbinden. Insofern wird man häufig besondere Stärken eines Buches identifizieren können – ebenso wie besondere Schwächen – und wird ein Empfehlung aus dem Kontext der Benutzung heraus geben können.  Es wird also nicht möglich sein, ein „ideales Schulbuch“ zu definieren, allerdings kann es gelingen, das für eine bestimmte Situation und bestimmte Beteiligte optimale Schulbuch herauszufinden.

Die Unmöglichkeit, ein objektives Gesamturteil über die Qualität eines Schulbuchs zu fällen, hängt damit zusammen, dass dem Mix an zugrunde gelegten Ansprüchen und ihrer jeweiligen Gewichtung immer etwas Willkürliches anhaftet. Daran scheiterte letztlich auch das Unterfangen der Stiftung Warentest,  Schulbücher inähnlicher Manier wie Gebrauchsartikel zu testen (vgl. „Test“ Nr. 10, 2007, S. 74-80) und mit Noten zu versehen.

Die Notwendigkeit, Schulbücher zu bewerten, ist gleichwohl evident. Ministerien unterziehen sich dieser Mühe bei deren Zulassung, Lehrer bei der Anschaffung, die Medien und die öffentlich Meinung intervenieren bei groben Verstößen und schließlich ist es der Markt, der über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Alle Akteure handeln nach ihren Richtlinien und sind sehr wohl in der Lage,  den Grad der Übereinstimmung ihrer Ansprüche mit den Angeboten und Gegebenheiten des Schulbuches festzustellen. Die Verfahren laufen meist darauf hinaus, bestimmte Mindestanforderung zu formulieren und ihre Einlösung abzugleichen.       

Zunächst muss das Buch praktischen Anforderungen der Haltbarkeit und Hygiene genügen. Es muss vom Format und Gewicht her handhabbar sein. Es sollte ein gefälliges Cover aufweisen. Das Layout (etwa Mehrspaltigkeit) wird sich an an Ergebnissen der Rezeptions und Kognitionsforschung orientieren. Raumanordnung, Abbildungen, Schrift müssen ihrem Zweck entsprechen und die Übersichtlichkeit unterstützen. Die Navigation im Schulbuch darf nicht schwerfallen. Autorentext, Qellentexte und andere textliche Bestandteile müssen klar unterscheidbar sein.

Der Preis muss sich im Rahmen einer plausiblen Bandbreite bewegen.

Es existiert ein rechtlicher Rahmen, der von dem Schulbuch gewahrt werden muss. So ist insbesondere die Übereinstimmung mit der Verfassung ein zentrales Gebot. Die Achtung der Menschenwürde, das Diskriminierungsverbot aus Gründen des Geschlechts und der nationalen, religiösen oder rassischen Zugehörigkeit, der weltanschaulichen und politischen Überzeugungen   müssen ebenso wie das Toleranzgebot von den Schulbüchern nicht nur berücksichtigt sondern befördert werden. Was auf den ersten Blick einfach und selbstverständlicher erscheint, kann sich beim Aufspüren von genderspezifischen Rollenklischees und diskriminierenden Stereotypen als durchaus kompliziert erweisen. Man wird nicht nur nach offensichtlichen Verstößen suchen, sondern Qualität daran festmachen, dass das Schulbuch landläufigen Ansichten aktiv entgegentritt, indem es z.B.  Identifikationsangebote anbietet, die Mädchen und Frauen in selbständigen und verantwortlichen Rollen zeigen oder Interkulturalität als unabweisbare Bestandteil des moderen Lebens in Rechnung stellt.

Ein Schulbuch sollte mit den Rahmenplänen vereinbar sein, ohne diese zur ausschließlichen Richtschnur werden zu lassen. Es sollte sich an der in der Stundentafel verfügbaren Zeit orientieren.

Die verwendete Sprache sollte der jeweiligen Jahrgangsstufe adäquat sein. Eine Überfülle von Fachbegriffen kann genauso wie ein substantivierender Stil demotivierend wirken. Die gebotene Schülergemäßheit setzt voraus, dass das Schulbuch sich zwar  an einem Durchschnittsschüler orientiert, aber der heterogenen Schülerschaft trotzdem gerecht wird, indem es schwächerne Schülern nachhilft und stärkere Schüler anspornt (Hinweis auf weiterführende Literatur). Das Anregen von Aktivitäten ist ein entscheidendes Mittel zur Hebung der Lernmotivation.

Ein gutes Schulbuch sollte in der zunehmenden Konkurrenz der Lernmedien die Funktion eines Lernorganisators, eines „Lotsen“ einnehmen. Es sollte sich insbesondere zu den elektronischen Medien hin öffnen. Querverweise sowohl innerhalb des Buches wie auch darüber hinaus regen das Denken an und bereiten auf das lebenslange autonome Lernen vor, das sich in ähnlichen Bahnen vollzieht.

Ein gutes Schulbuch wird mit dem Schüler in einen Dialog eintreten. Die Autoren werden  begründen, warum die von ihnen gewählten Gegenstand Aufnahme im Schulbuch fanden und wie sie sich die Auseinandersetzung mit ihnen vorstellen. Sie werden ihr Konzept offen legen, begründen und für die Schüler nachvollziehbar machen. Sie werden Sorge tragen, dass ihr Text nicht als wertfreier neutralen Text rezipiert wird. Schulbücher sind Arbeitsbücher, die auch für das Selbststudium geignet sind. Insofern sind Möglichkeiten vorzusehen, sich selbst zu testen.  Auch sollte ein gutes Schulbuch den Schüler animieren, eigenständig Fragen zu entwickeln und Vermutungen zu äußern. Arbeitsaufträge sollten alle Schwierigkeitsstufen umfassen, von der einfachen Reproduktion bis hin zum Transfer von Wissen und Fähigkeiten.

Fachwissenschaftlich ist zu erwarten, dass der gesicherte Stand der Forschung eingehalten und die  Pluralität wissenschaftlicher Auffassungen zum Ausdruck kommt. Sachliche Fehler sind für ein Schulbuch der GAU. Wissenschaftliche Standards wie (einheitliche) Zitierweise, Anmerkungen, Quellennachweis, Bildlegende etc. sollten im Prinzip Beachtung finden. Fachtermini sind unverzichtbar und sollten umsichtig eingeführt werden.

Das Schulbuch sollte von fachdidaktischen Überlegungen inspiriert sein. Bestimmte unumstrittene  fachdidaktischen „essentials“ hat es zu berücksichtigen (z.B. didaktische Reduktion, exemplarisches Lernen, Handlungsorientierung etc.).  Es sollte an die Lebenswelt und den Erfahrungshorizont der Schüler anknüpfen. Arbeitsmethodische Hilfen sind unerlässlich (Grafiken, Inhaltsverzeichnis, Glossar, Register). Der Anschaulichkeit kommt ein hoher Stellenwert zu. Die Gliederung eines Buches darf nicht aus dem fachwissenschaftlichen Gedankengang abgeleitet werden, sondern nach didaktischen Vorgaben. Überschriften sollten aussagekräftig sein und nicht einer fachwissenschaftlichen Systematik entnommen werden.

Literatur
Zur Spezifik des Geschichtsbuchs siehe:

• Becher, Ursula A. J. : Schulbuch. In: Hans-Jürgen Pandel und Gerhard Schneider (Hrsg.): Handbuch. Medien im Geschichtsunterricht. Schwalbach/Ts.: Wochenschau 1999, 45-68.
• Gies, Horst: Geschichtsunterricht. Ein Handbuch zur Unterrichtsplanung. Köln etc.: Böhlau 2004, 213-278.
• Rüsen, Jörn: Das ideale schulbuch. Überlegungen zum Leitmedium des geschichtsunterrichts. In: Internationale Schulbuchforschung, Heft 3, (1992) 237-250.
• Sauer, Michael: Geschichte unterrichten. Seelze-Velber: Kallmeyer'sche Verlagsbuchhandlung 2001, 217 ff.
• Scholle, Dietrich: Schulbuchanalyse. In: Klaus Bergmann, Klaus Fröhlich u.a. (Hrsg.): Handbuch Geschichtsdidaktik, Seelze-Velber: Kallmeyer'sche Verlagsbuchhandlung 1997, 369-375.

Zitierhinweis:
Maier, Robert. „Was ist ein gutes Schulbuch?“ Eckert.Beiträge 2009/3.
www.edumeres.net/urn/urn:nbn:de:0220-2009-00050.

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