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Inclusion/Exclusion 
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Inklusion/Exklusion

Inclusion/ Exclusion

Marcus Otto

Der Begriff der Inklusion ist in den Geistes- und Sozialwissenschaften zuerst vom US-amerikanischen Soziologen Talcott Parsons geprägt worden. Mit dem Begriff der Inklusion bezeichnete Parsons die gesellschaftliche Einbeziehung von Individuen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen vor allem im Modus von citizenship, d.h. im Anschluss an T.H. Marshall als im 19./20. Jahrhundert entstandenes Ensemble ziviler, politischer und sozialer Rechte, die gesellschaftliche Ungleichheit zwar nicht aufheben, aber einen gemeinsamen Referenzrahmen multipler gesellschaftlicher Zugehörigkeiten (Klassen, Ethnien, Religionsgemeinschaften etc.) bilden. In diesem Konzept gab es (noch) kein Gegen- oder Kontrastbegriff zu Inklusion. Historisch und praktisch-politisch bezog sich Parsons’ Konzept der Inklusion nicht zuletzt auf Probleme des Bildungssystems mit dem Fokus auf gesellschaftliche Minderheiten oder diskriminierte Gruppen in den USA Mitte des 20. Jahrhunderts.

Der französische Politiker und Sozialwissenschaftler René Lenoir publizierte 1974 unter dem Titel „Les exclus. Un français sur dix“ eine politische und sozialwissenschaftliche Diagnose, in der er Exklusion als weitreichenden Ausschluss von Individuen und großen Teilen der Bevölkerung aus der Gesellschaft beschreibt. Hieran schloss sich seitdem eine vielfältige geistes- und sozialwissenschaftliche Thematisierung von Exklusionsphänomenen in der modernen Gesellschaft an. Damit avancierte Exklusion allmählich zu einer neuen Kategorie der Analyse sozialer Ungleichheit und gesellschaftlicher Diskriminierungen.

Niklas Luhmann definierte im Rahmen seiner an Parsons anschließenden soziologischen Systemtheorie Inklusion als Verwendung der Eigenkomplexität psychischer Systeme in sozialen Systemen oder auch als Adressierung und Berücksichtigung von Personen als Individuen in sozialen Systemen, und zwar immer im Modus der Kommunikation. In kritischer Auseinandersetzung mit Parsons konzipierte Luhmann Inklusion allerdings differenztheoretisch in Form der Unterscheidung Inklusion/Exklusion. Damit verbindet sich eine erhöhte Aufmerksamkeit für die grundlegende Kontingenz von Inklusion sowie für jeweils spezifische Modi von Inklusion/Exklusion in Interaktionen, Organisationen und in den gesellschaftlichen Funktionssystemen. Während demnach auf der Seite der Inklusion in den jeweils korrespondierenden sozialen Systemen Personen als Individuen adressiert und berücksichtigt werden, geht Exklusion typischerweise mit der Reduktion von Individuen auf ‚ihre’ Körper einher. Dabei lassen sich insbesondere für Exklusion kumulative Effekte beobachten, d.h. dass Exklusionen aus unterschiedlichen sozialen Systemen sich wechselseitig verstärken (können).

Nach Luhmann und Stichweh ergibt sich gegenwärtig insbesondere im Kontext von Weltgesellschaft, medial globalisierter Kommunikation und globalisierten Funktionssystemen eine gesellschaftstheoretisch erhöhte Relevanz der Form Inklusion/Exklusion. Und es wird sogar systemtheoretisch diskutiert, inwiefern Inklusion/Exklusion gegenwärtig zu einer neuen gesellschaftlichen Leitunterscheidung avanciert und damit funktionale Differenzierung effektiv überformt, d.h. Inklusion/Exklusion zur neuen Primärdifferenzierung der Gesellschaft wird. Dies ist für die soziologische Systemtheorie, die sich ja als Theorie der (primär) funktional differenzierten Gesellschaft versteht, durchaus bemerkenswert.
Insgesamt ist Inklusion/Exklusion eine analytisch gehaltvollere Alternative zur mittlerweile politisch aufgeladenen, kulturalistisch hypostasierten und soziologisch veralteten Begrifflichkeit von Integration/Desintegration. Denn anders als beim holistischen Konzept der Integration gilt es mit Inklusion/Exklusion immer konkret zu spezifizieren, wer in welcher Hinsicht und unter welchen Bedingungen wie inkludiert oder exkludiert wird.

Literatur

• Lenoir, René: Les exlus. Un français sur dix. Paris: Le Seuil 1974 (http://www.yasni.de/person/lenoir/rene/rene-lenoir.htm [pdf]).
• Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriss einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985.
• Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997.
• Marshall, Thomas H.: Citizenship and Social Class, and other Essays. Cambridge: Cambridge University Press 1950.
• Parsons, Talcott: American Society. A Theory of the Societal Community (editied by Guiseppe Sciortino). Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften  2007.
• Stichweh, Rudolf: Inklusion und Exklusion. Studien zur Gesellschaftstheorie. Bielefeld: Transcript Verlag 2005.

(Last modified: 12 June 2009)

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