Longue Durée

Gerdien Jonker

Das Konzept der Longue durée orientiert sich an der langen Zeitdauer und an einer bestimmten Form der Wahrnehmung von Vergangenheit. Der französische Historiker Fernand Braudel schilderte in seiner Geschichte des Mittelmeers die geologischen Ablagerungen, die Meeresengen, die angrenzenden Landschaften sowie die Kulturkreise, die an seinen Ufern entstanden und vergingen. Indem er lange Zeitabschnitte ins Auge fasste, gelang es Braudel, eine Verbindung zwischen Geologie und Ökologie zu legen und sich somit ein zusammenhängendes Bild von kaum wahrnehmbaren Veränderungen zu machen, die erst in der langen Dauer beschreibbar werden. Das Resultat war eine Geschichte unterschiedlicher Geschwindigkeiten, in der auch die Transformation vermeintlich unbeweglicher Elemente festgehalten werden konnte.

Der Untersuchungsmodus der longue durée lässt sich auch auf Mentalitäten und kollektive Denkweisen anwenden. Es gilt die Beobachtung des Historikers Reinhart Koselleck, dass es sich bei den Bildern einer Gesellschaft um geologische Ablagerungen handelt, die im Prinzip vorhanden sind und die unter bestimmten Bedingungen aktiviert werden können. Soziologisch sind die Arbeiten über Institutionalisierung von Peter Berger und Thomas Luckmann (1969) wichtig, die zeigen, dass die Tradierung von Wissen Sedimente, also Ablagerungen schafft, die zu bestimmten Anlässen aktiviert und aufgerufen werden können.

Die Verbindung von Geschichtswissenschaft und Sozialwissenschaft ermöglicht es, die Historizität des Sozialen herauszuarbeiten und ihre Wege, bzw. Pathways aufzuzeichnen. Wenn Institutionen als Festlegung und historisches Vermächtnis früherer gesellschaftlicher Auseinandersetzungen verstanden werden, die in die Zukunft hineinwirken, wird es möglich, die Kontingenz der Entstehung, die Mechanismen ihrer Stabilisierung sowie die Kreuzpunkte des Wandels zu beschreiben sowie Untersuchungseinheiten miteinander zu vergleichen. Die Formulierung des Eigenen im Unterschied zum Fremden zum Beispiel ist ebenfalls ein Resultat langsamer gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Braudel wies bereits auf die Kreuzzugs-Erzählung hin, die auf beiden Seiten des Mittelmeers für eine Denkverfassung steht, die sich in endloser Wiederholung über lange Zeiträume hinweg eingeschliffen hat, bis sie die jeweils  „passende“ Wahrnehmung präsentierte.

Literatur
• Berger, Peter L. und Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt am Main: Fischer 1969.
• Braudel, Fernand: Histoire et sciences sociales. In: Annales 14 (1958),  710-718.
• Mayntz, Renate: Zur Theoriefähigkeit makro-sozialer Analysen. In: Renate Mayntz (Hrsg.): Akteure – Mechanismen – Modelle. Zur Theoriefähigkeit makro-sozialer Analysen. Frankfurt am Main: Campus 2002, 7-44.
• Thelen, Kathleen: How Institutions Evolve. Insights from Comparative Historical Analysis. In: James Mahoney and Dietrich Ruschemeyer (Eds.): Comparative Historical Analysis in the Social Sciences. Cambridge/Mass.: Cambridge University Press 2003, 208-240.

(Last modified: 12 June 2009)

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