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Erinnerungskultur und Globalisierung

Memory culture and globalisation

Barbara Christophe

Spätestens seit zwei Jahrzehnten sind Gedächtnis und Erinnerung zu Schlüsselbegriffen in den Kultur- und Sozialwissenschaften geworden. Diese Konjunktur wurzelt in mindestens zwei auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelten Entwicklungen.

1. Am Anfang steht die vom Strukturalismus und Poststrukturalismus gleichermaßen genährte Erkenntnis, dass das Soziale grundsätzlich ein kontingentes Produkt von Konstruktionsprozessen ist. Der hier formulierte Grundkonsens spiegelt sich auch in einem verstärkten Interesse an den Themen Gedächtnis und Erinnerung wieder. Gedächtnis wird dabei im Rekurs auf Maurice Halbwachs (1925/1985) als das Ergebnis von sozial konditionierten Prozessen der Erinnerung gedacht. Erinnerung, so die Schlussfolgerung, bildet Vergangenheit niemals einfach nur ab, sie konstruiert vielmehr ein an den Interessen und Bedürfnissen der Gegenwart orientiertes Bild der Vergangenheit. Diese Konstruktionsarbeit kann auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden: Individuen, soziale Gruppen wie Generationen oder Berufsgruppen, aber auch Nationen oder Kulturen können zu Subjekten von Erinnerungsprozessen werden. Jan Assmann (1988) unterscheidet deshalb zwischen individuellem, kommunikativen und kulturellen Gedächtnis. Die Analyse der Selektionskriterien, Klassifikationsschemata und Deutungsmuster, auf denen die in den unterschiedlichen Gedächtnissen abgespeicherten Vergangenheitsbilder beruhen, zielt deshalb immer auch auf die Ausleuchtung von Differenzen. In den Vordergrund rückt die Frage, wer was warum als relevant und erinnerungswürdig definiert. Von Anfang an wurde dabei auch die enge Beziehung thematisiert, die zwischen dynamischen und pluralen Erinnerungsprozessen und Projekten der Identitätsbildung besteht – und zwar sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene (Gillis 1994). Der Bedingungszusammenhang ist dabei stets als ein wechselseitiger zu denken. Zum einen liefert ein an den Interessen, Werten und Präferenzen der Gegenwart ausgerichtetes Bild von der Vergangenheit immer auch einen wichtigen Baustein für die Konstruktion einer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindenden Identität.  Zum anderen gibt ein in der Gegenwart verankertes Identitätskonstrukt die Kriterien vor, an denen sich das Erinnern der Vergangenheit orientiert. Mit anderen Worten, die Identität, die sich ein Individuum oder eine soziale Gruppe in der Gegenwart zuschreibt, wird immer auch bestimmen, was erinnert wird und wie das Erinnerte gedeutet wird.

2. Jenseits von theoretischen Moden reagiert das verstärkte kultur- und sozialwissenschaftliche Interesse an der Analyse von individuellen und kollektiven Erinnerungsprozessen aber auch auf einschneidende sozio-kulturelle Veränderungen, die durch Globalisierung beschleunigt worden sind. Die globale Zirkulation von Wissen, Ideen, Werten und Artefakten, die in unterschiedlichen lokalen Kontexten auf je spezifische Weise angeeignet werden, hat zweifelsohne zu einer Vervielfältigung des Angebots geführt, aus dem Individuen und soziale Gruppen bei der Konstruktion von Identitäten schöpfen können. Im Ergebnis beobachten wir eine Fragmentierung von räumlich gebundenen und weitgehend homogenen Identitätsräumen (Csaky). Es liegt auf der Hand, dass damit auch Erinnerung, die man als den Zwilling der Identität bezeichnet hat, zunehmend flüssiger und flüchtiger werden muss. Erinnerung wird nicht nur vielfältiger, weil in Abhängigkeit von der jeweils eingenommenen Identitätsposition unterschiedliche Inhalte in den Vordergrund rücken; sie wird auch mehrdeutiger, weil dem selben Inhalt je nach Standort auch unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben werden können. Die Rekonstruktion von vielfältig gebrochenen und im Spannungsfeld konkurrierender Einflüsse stehenden Erinnerungsprozessen wird damit zu einem spannenden Forschungsgegenstand, der sich in eine Reihe von relevanten Forschungsfragen übersetzen lässt. (1) So kann man z.B. nach den Spuren suchen, die globale oder transnationale Diskurse in lokalen Erinnerungsdiskursen hinterlassen. (2) Umgekehrt kann man analysieren, welche lokalen Erinnerungsdiskurse mit welchen Folgen im Rahmen von Prozessen der Entlokalisierung ins globale Gedächtnis überführt werden (Appadurai) (3) Weiterhin kann man untersuchen, ob die vielfältigen Möglichkeiten der Verschränkung von globalen und lokalen Erinnerungsdiskursen zu einer Fragmentierung von lokalen Erinnerungsräumen führt und was das für die Wirkungsmächtigkeit von lokal hegemonialen Erinnerungsdiskursen heißt.

Ein solches Forschungsprogramm lässt sich am besten im Rekurs auf das Forschungsparadigma der Erinnerungskultur realisieren. Denn das Schlagwort Erinnerungskultur besteht aus zwei Komponenten, die beide gleichermaßen den prozesshaften und mehrdeutigen Charakter unterstreichen, der allen Repräsentationen der Vergangenheit eignet:
• Im Unterschied zu dem eher statischen Begriff des Gedächtnisses, der die Aufmerksamkeit auf die Inhalte dessen lenkt, was erinnert wird, zielt das Konzept der Erinnerung auf  den dynamischen und wechselhaften Prozess der Aktualisierung und Wiederaneignung von Vergangenem.
• Neuere Kulturtheorien unterstreichen die Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit von Kultur. Kultur wird hier als Text verstanden, der aus widersprüchlichen Elementen besteht und zudem erst im Prozess der kreativen Aneignung durch den Leser entsteht, der eine Vielzahl von Lesarten an ihn herantragen kann.

Schulbuchanalyse kann einen wertvollen Beitrag zur Erforschung von Erinnerungskulturen leisten.
• Schulbücher eröffnen uns einen privilegierten Blick auf die hegemonialen Erinnerungsdiskurse lokaler Gesellschaften. In der Regel definieren sie das, was aus der Perspektive staatlich legitimierter Akteure als relevante Erinnerung gilt.
• Im Rahmen von zeitlichen Längsschnittuntersuchungen können Schulbücher als Quelle zur Rekonstruktion von dynamischen Veränderungen in Erinnerungsprozessen genutzt werden. Der Schwerpunkt liegt dann auf dem Wandel der Relevanzkriterien und Deutungsmuster, die den jeweils vermittelten Vergangenheitsbildern zugrunde liegen.
• Weiterhin bieten sich Schulbücher im Rahmen international vergleichender Untersuchungen als ideales Medium zur Erforschung der Verflechtung von lokalen, transnationalen und globalen Erinnerungsdiskursen an.
• Gleichzeitig stellen Schulbücher aber nur einen - wenn auch zentralen - Knotenpunkt in einer von vielen diskursiven Strängen durchzogenen Erinnerungskultur dar. Eine vergleichende Analyse der interdiskursiven Verknüpfungen zwischen den in Schulbüchern und anderen Medien transportierten Vergangenheitsbildern kann deshalb auch Aufschluss über die Dominanz und Wirkungsmächtigkeit offizieller Erinnerungsdiskurse bieten.
• Schulbücher können auch einen ersten Einstieg in die Untersuchung des Wechselverhältnisses zwischen individuellem und kulturellem Gedächtnis bieten. Schulbuchnarrative können dabei als zentraler Baustein des kulturellen Gedächtnisses gefasst und dann mit den biographischen Erinnerungsnarrativen von Angehörigen unterschiedlicher sozialer Gruppen kontrastiert werden.

Literatur
• Assmann, Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Jan Assmann und Tonio Hölscher (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988,  9-19.
• Csaky, Moritz: Die Mehrdeutigkeit von Gedächtnis und Erinnerung. In: Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands (http://www.vifaost.de/texte-materialien/digitale-reihen/handbuch/ [pdf]).
• Gillis, John R.: Memory and Identity: The History of a Relationship. In: John R Gillis, (Ed.): Commemorations: The Politics of National Identity. Princeton: Princton University Press 1994, 3-24.
• Halbwachs, Maurice: Das kollektive Gedächtnis. Frankfurt am Main: Fischer (1925) 1985.

(Last modified: 12 June 2009)

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