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Schulbuchforschung: Soziokulturelle Kontexte

Textbook research: sociocultural contexts

Hanna Schissler

Die Einbettung von Schulbuchforschung und Schulbuchanalysen in gesellschaftliche, gesellschaftspolitische, ökonomische und kulturelle (sozio-kulturelle) Kontexte hat gute Arbeiten zu diesen Themenfeldern schon immer ausgezeichnet. Wenig inspirierend sind jedoch die verbreiteten reinen Inhaltsanalysen, die sich auf den Nachweis faktischer Fehler und die Markierung der Differenzen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen beschränken, ein Vorgehen, bei dem die Schulbücher in vorhersagbarer Weise schlecht abschneiden, denn Schulbücher befinden sich nie auf dem neuesten Wissensstand. Systemtheoretisch gesprochen gibt es „Umwelten“[1] für Schulbücher, die eine wissenschaftlich fundierte Schulbuchforschung berücksichtigen und einbeziehen wird:
- die Ortsbestimmung von Schulbüchern in der Lernmedien-Landschaft (ein Kontext, der zunehmend wichtiger wird, nicht zuletzt, da Schulbücher durch die neuen Medien in ihrer Bedeutung relativiert werden)
- die Einordnung in Lernzusammenhänge sowie in kognitive, emotionale und soziale Lernprozesse, die mit Schulbüchern verknüpft sind
- Die Lernumgebungen (Schule), in denen Schulbücher als Lehr- und Lerninstrumente genutzt werden. Deren Organisation und Atmosphäre sind für Schulbücher ebenfalls „Umwelten“, die in die Schulbuchforschung eingehen
- Die individuellen Dispositionen, soziodemographischen Merkmale, sozialen Milieus, kulturelle Hintergründe, Lernmotivationen, Einstellungen zum Schulbuch bei Schülern
- Lehrer, die mit Schulbüchern arbeiten (oder lieber auf andere Medien rekurrieren)
- Curricula und Richtlinien als Steuerungsinstrumente für die Produktion von Schulbuchwissen (auf nationaler, aber auch auf transnationaler und globaler Ebene); allgemeiner: Staatliche und zivilgesellschaftliche Arenen, in denen Schulbuchwissen ausgehandelt wird
- Die ökonomischen Rahmenbedingungen, unter denen Schulbücher produziert werden (Gewinnaussichten für Verlage und Autoren; Vorgaben und Reglementierungen)
- Die Wissenschaften, auf denen die über Schulbücher transportierten Wissensinhalte beruhen
- Transnationale Regelungsmechanismen und Angleichungsprozesse auf globaler Ebene (Neoinstitutionalismus)
- Lerntheorien und Fachdidaktiken, die darüber befinden, wie viel Text Kinder in welchem Alter verarbeiten können, wie Arbeitsaufgaben aussehen müssen, wie Quellen, Karten, Bilder, Graphiken aufbereitet sein sollten, um die gewünschten Lerneffekte zu erzielen.

Im Hinblick auf die forschungsrelevanten Kontexte von Schulbüchern gibt es eine analytische Doppelbewegung: einerseits die Einbeziehung der „Umwelten“ (einige oder alle der genannten) in die Analyse von Schulbüchern (Schulbuch steht im Zentrum der Untersuchung) – und andererseits im Umkehrschluss: Die Analyse gesellschaftlicher Bedeutungen, Zusammenhänge und Prozesse durch die Analyse von Schulbüchern. Bei letzterer Zugangsweise werden Schulbücher zu Quellen für eine Analyse der Gesellschaft. Schulbücher sind eben nicht nur Lernmittel, sondern enthalten gesellschaftlich ausgehandelte „Wahrheiten“, Orientierungsangebote, mit z.T. explizit formulierten Handlungsanweisungen. Damit sind sie Quellen des „Zeitgeists“. Schulbücher transportieren die „underlying assumptions“ einer Gesellschaft.

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[1] Unter „Umwelten“ werden all diejenigen Faktoren, Personen, Gruppen, Situationen, die auf das „System Schulbuch“ einwirken und sich mit diesem in einer Wechselwirkung befinden, verstanden.

(Last modified: 12 June 2009)

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