Neifeind, HaraldColbert kam, sah und - siegte? - Ein Schulbuch und sein Merkantilismus
„Die erste kritische Fragestellung, die an Schulbücher herangetragen werden sollte, ist die nach der Richtigkeit der sachlichen Aussage“, so beginnt Wolfgang Marienfeld seine Untersuchung „Geschichte im Lehrbuch der Hauptschule“.[1] Es ist eines der Axiome der Schulbucharbeit, dass die Richtigkeit immer – jedweden didaktischen Ansprüchen zum Trotz – gewährleistet sein muss. Und es steht außer Frage, dass die Schulbücher des Faches Geschichte insgesamt in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur in Bezug auf die graphische Gestaltung, in der didaktischen Vielfalt, sondern auch an sachlicher Richtigkeit gewonnen haben.[2] Das ist umso anerkennenswerter, da die Stoffmenge, die Frage- und Problemstellungen und damit die didaktischen Herausforderungen an das Medium schneller zu wachsen scheinen als der zur Verfügung stehende Platz. Nicht immer allerdings führt die notwendige Verkürzung zu einer sachlich richtigen Darstellung. Obwohl der Merkantilismus in vielen Schulbüchern sehr ähnlich erläutert wird, nämlich anhand einer schematischen Darstellung Frankreichs, sind diese Karten in unterschiedlicher Art und Weise in die begleitenden Texte und Materialien eingebunden.[3] Im Folgenden soll an einem Beispiel gezeigt werden, zu welch falschen Ergebnissen es führen kann, wenn das Medium der Vermittlung, hier eine Karte, zur alleinigen Basis der Erklärung eines Sachverhaltes wird. Es geht um „Entdecken und Verstehen Bd.7/8, Ausgabe Berlin, hrsg. Von H.G. Oomen, Berlin 2007, S.150/151: „Merkantilismus – die neue Wirtschaftspolitik“. [4]
In diesem Buch startet das Kapitel „Europa im Zeitalter des Absolutismus“ (S.140-162) mit einer Darstellung Frankreichs unter der Herrschaft Ludwigs XIV. (S.142-151). Darin eingebunden ist eine Seite „Merkantilismus – die neue Wirtschaftspolitik“ (S.150), auf die eine Seite „Fortschrittliche Produktionsstätten: Manufakturen“ (S.151) folgt.
Eröffnet wird auf einer halben Seite mit der schematischen Darstellung Frankreichs:

- aus: „Entdecken und Verstehen Bd.7/8, Ausgabe Berlin, Berlin 2007, S.150
Das Land ist von einer Mauer umgeben, welche für Landesgrenzen und Zollmauern steht. Der nachfolgende Autorentext beschreibt die Finanznot des französischen Königs, aus der heraus die Notwendigkeit entstand, neue Geldquellen zu erschließen. Colbert „entwickelte daher ein neues Wirtschaftssystem, den Merkantilismus.“[5] Ein weiterer Autorentext beschreibt die Funktionsweise des neuen Systems: Regelung von Import und Export, Vereinheitlichung von Maßen, Gewichten und Münzwesen, Bau von Straßen und Kanälen, Aufbau der Manufakturen. Diese Elemente der Konzeption Colberts finden sich in der schematischen Darstellung Frankreichs wieder. Die Seite „Manufakturen“ zeigt eingangs in einem halbseitigen Schaubild neun Arbeitsschritte einer Stecknadelmanufaktur; es folgt ein Quellentext, der die dortige Arbeit beschreibt. Das Kapitel schließt mit einem Bericht des venetianischen Botschafters. Dabei zieht der Autor dieses Schulbuchkapitels das Resümee: „Colbert hatte mit seiner Wirtschaftspolitik Erfolg“.
Fragen wir, was Schülerinnen und Schüler aus diesem Kapitel lernen können? Sie können den Merkantilismus als das neue Wirtschaftssystem unter Ludwig XIV. kennen lernen, dass und warum der König immer mehr Geld brauchte, ferner das Konzept, mit dem Colbert dieses Geld beschaffen wollte und dass er damit Erfolg hatte. Damit kontrastiert zwar eine Bemerkung aus der Zusammenfassung zum gesamten Kapitel (S.159): „Als Ludwig XIV. 1715 starb, hinterließ er ein total verschuldetes Land“ - aber es ist unwahrscheinlich, dass Lernende, viele Seiten später, [6] diese Bemerkung noch auf die Wirtschaftspolitik Colberts und ihre Auswirkungen beziehen.[7]
„Colbert hatte mit seiner Wirtschaftspolitik Erfolg" – diese Schlussfolgerung steht in deutlichem Widerspruch zu Aussagen der Fachwissenschaft. So heißt es im renommierten Handbuch der europäischen Geschichte: „Der Colbertismus erwies sich als Fehlschlag …“.[8] Und Robert Mandrou schreibt in der nicht minder angesehenen Propyläen Geschichte Europas: "Die Wirtschaftspolitik … beschränkte sich schließlich auf ein Minimum dessen, was sie zu sein beanspruchte." [9] Und wenn Eberhard Weis darauf verweist, dass „der modernen Vorstellung vom zentralisierten, uniformierten, absolutistischen Frankreich … die Wirklichkeit im 17. und noch weit ins 18.Jh. hinein aus verkehrsmäßigen, rechtlichen und wirtschaftlichen Gründen unmöglich entsprechen“ konnte, so ist festzuhalten, dass die Schüler in diesem Kapitel genau diese moderne – und falsche – Vorstellung erlernen.[10] Die zeichnerische Darstellung legt zudem nahe, dass Frankreich – umgeben von einer Mauer – eine Einheit bildete, in deren Mitte der König stand, der sein Land absolutistisch, d.h. losgelöst von den Gesetzen, regierte.
Wachsender Geldbedarf des absolutistischen Königtums
Wie im Mittelalter so lebte auch im Zeitalter des Absolutismus die Mehrzahl der Menschen auf dem Land. In Frankreich sind dies ca. 90%, wir haben es folglich mit einer dominierenden Rolle der Landwirtschaft zu tun.[11]
Das Zeitalter des Absolutismus aber unterscheidet sich dadurch grundlegend vom Mittelalter, dass der Staat neue Funktionen als seine Aufgabe reklamiert und an sich zieht. "Der mit sakraler Weihe ausgestattete König war oberster Gerichts-, Lehens- und Kriegsherr, alleiniger Lenker der Außenpolitik, der Finanzen, der Verwaltung und – weitgehend – der Kirche, alleiniger Verwalter (nicht Eigentümer) des französischen Staates."[12] Damit einher ging ein wachsender Geldbedarf für Schlossbauten, Hofhaltung, Verwaltung, stehendes Heer und Kriege. So wurde in Frankreich, wie in allen europäischen Staaten jener Zeit, die Diskrepanz "zwischen den wachsenden finanziellen Anforderungen des modernen Staates und den jahrhundertealten Methoden seiner Finanzierung" immer größer.[13] Das klassische Instrument zur Vermehrung der Einkünfte war die Verteilung von Privilegien, ferner die Einkünfte aus Zöllen, Domänen, aus der Münzprägung und den direkten Steuern. Das auf diese Weise aufgebrachte Geld reichte aber nicht aus. So war es die Aufgabe des Wirtschaftsministers neue Wege der Geldvermehrung zu finden.
Die Wirtschaftspolitik Colberts – Konzept und Wirklichkeit
Das Scheitern der Wirtschaftspolitik Colberts lässt sich nicht nur an der Schuldenlast am Ende der Regierungszeit Ludwigs XIV. ablesen, sondern ebenso an einem Vergleich zwischen seinem Konzept und der Wirklichkeit – sie werden im folgenden einander gegenübergestellt.
1. Die Steuern
Konzept: Colbert wollte die „ordentlichen Einnahmen vermehren … die Lasten (des) Volkes erleichtern und alle außerordentlichen Ausgaben vermeiden.“[14] Dazu musste er vor allem die Finanzverwaltung neu ordnen, damit die vom Volk erhobenen Steuern auch tatsächlich in der Staatskasse ankamen.
Wirklichkeit: Durch eine Reduzierung der direkten zugunsten der indirekten Steuern gelang es Colbert Adel und Geistlichkeit, die von der Zahlung einer direkten Steuer befreit waren, auf diesem Umweg am Steueraufkommen zu beteiligen. Ferner setzte er die Gewinne der Steuerpächter herab und schränkte die Zahl der verkäuflichen Ämter ein. Wurden 1661 noch 85 Millionen Livres an Steuern eingetrieben, von denen nur 32 Mio. in der Staatskasse ankamen, so gelang es 1667 bei einem Aufkommen von 96 Millionen Livres das Einkommen des Staates auf 63 Millionen zu erhöhen.[15] Es gelang Colbert allerdings nicht die Ungerechtigkeiten des Steuersystems grundsätzlich zu beseitigen. So erregte sich die Bevölkerung nicht nur über die Höhe, sondern v.a. über die Ungerechtigkeiten der Erhebung. Nicht nur, dass Adlige und Geistliche von vielen Steuern befreit waren, auch die Ungleichheiten zwischen den nördlichen und südlichen Provinzen, deren Beseitigung einen zu tiefen Eingriff in die Privilegien bedeutet hätte, sowie die Ungleichheiten von Stadt zu Stadt trugen zur Unzufriedenheit bei.[16] Zusätzlich führte die steuerliche Bevorzugung der städtischen Gewerbetreibenden und Einwohner zu einer Benachteiligung der agrarischen Produzenten. [17] Die verordnete Senkung der Steuern musste schon zwischen 1670 und 1680 wieder rückgängig gemacht werden.[18] Die ab 1672 zunehmende Anzahl der Kriege „machte alle Ansätze der Colbertschen Finanzierungs- und Reformprojekte illusorisch und zwang den Finanzminister auf herkömmliche Weise [Anleihen] Geld für die Kriegführung und die immer höher steigenden Ausgaben des Versailler Hoflebens zu beschaffen.“[19] Das hieß konkret: „Schaffung und Verkauf neuer Ämter, Münzverschlechterungen, Errichtung eines Tabakmonopols, Ausweitung der Stempelsteuer.“ [20] Von 1680 an waren „alle indirekten Steuern und Zölle in Generalpacht auf Zeit vergeben.“[21] Von einer einheitlichen Steuerverwaltung konnte keine Rede sein.[22]
2. Senkung der Ausgaben
Konzept: Unmissverständlich schrieb Colbert im Jahre 1666, nachdem er dem König im einzelnen dargelegt hatte, wie sehr die Ausgaben zu „Vergnügungen und Unterhaltungen Eurer Majestät“ die Einnahmen übersteigen, dass er „zu keinem anderen Urteil kommen (könne), als dem, dass man die Einnahmen erhöhen und die Ausgaben vermindern muss.“[23] Um die Staatsausgaben zu senken, ließ er Schuldverschreibungen, die hohe Zinsen kosteten, zurückkaufen.[24]
Wirklichkeit: Auch wenn in den Anfangsjahren ein gewisser Erfolg zu verzeichnen war und auch wenn Colbert „mit einer Reihe seiner Vorhaben wirklich dem Wirtschaftsleben entscheidende Impulse gab“ [25], es gelang ihm auf Dauer nicht die Ausgaben des Königs den Einnahmen anzupassen. Die wachsende Verschuldung des Staates konnte er nicht aufhalten – nur 1669 konnte ein kleiner Überschuss der Einnahmen gegenüber den Ausgaben erreicht werden.[26] Und die rasant wachsenden Schulden des Staates zogen den Verfall der Währung nach sich. Wurden im Januar 1706 noch 94 Silberlivres für einen auf 100 Livres lautenden Geldschein ausgezahlt, so waren es im Juli 1706 nur noch 72 Silberlivres, im Oktober schon weniger als 50 und Anfang 1707 nur noch 37.[27] Innerhalb eines einzigen Jahres hatte die Währung damit ca. 60 % an Wert verloren. War der Staat schon 1661 bei Regierungsantritt Ludwigs XIV. bankrott, so war die Staatsverschuldung bei seinem Tode 1715 noch erheblich höher.
3. Ausweitung der Handelstätigkeit
Konzept: Bisher, so führte Colbert bereits im Jahre 1664 in einer Denkschrift an den König aus, hätten die Staaten selbst sich nicht mit Handel befasst.[28] Der Blick in die Niederlande dagegen zeige, wie man durch Handel reich werden könne. Da Frankreich im Welthandel nur einen untergeordneten Rang einnehme, müsse dieser Anteil vergrößert werden. Den Rückstand Frankreichs machen die Zahlen zur Schiffskapazität deutlich: 1651 landeten in Bordeaux 1090 französische Schiffe mit einer Gesamttonnage von 26.512 t, hingegen 423 ausländische Schiffe mit einer Gesamttonnage von 99.143 t.
Wirklichkeit: Es gelang Colbert die Handelstätigkeit beträchtlich zu erweitern. An Handelsschiffen besaß Frankreich 1664 „nur 60 Schiffe von mehr als 300 Tonnen, 1686 waren es mehr als 750." Bei Colberts Tod 1683 besaß Frankreich insgesamt 80.000 t Handelsschiffraum – allerdings immer noch erheblich weniger als die Niederlande mit 560.000 t.[29] Die von Colbert 1664 – nach dem Vorbild der Holländer und Engländer – gegründeten Handelskompanie.[30] waren auf die Dauer zu schwerfällig. Alle Versuche der französischen Kaufleute durch mehr Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit größere wirtschaftliche Effektivität zu erreichen, scheiterten am Widerstand Colberts und des Handelsrats.[31] Die Niederländer bildeten in den französischen Häfen, selbst in Marseille, prosperierende Niederlassungen und Colbert versuchte vergeblich sie zu vertreiben.[32] Die französischen Handelskompanien „vermochten nie mit den gewaltigen Flotten und der blendenden Handelsorganisation der Niederländer zu konkurrieren. Von Schiffen aus Amsterdam wimmelte es in den französischen Häfen, wo die Niederländer ebenso die Erzeugnisse des europäischen Frankreich aufnahmen wie die Melasse von den Antillen und die Pelze aus Kanada. Sie verkauften sogar den in Amsterdam raffinierten Zucker von den Antillen in Frankreich weiter, ohne dass der Generalkontrolleur sie im mindesten daran hindern konnte.“[33]
4. Kolonien
Konzept: Die Schulbuchkarte zeigt Schiffe sowie an Land gelagerte Balken und Ballen, die für den Import von Rohstoffen aus den Kolonien stehen. Die durchgehenden roten Pfeile signalisieren, dass der Import von Rohstoffen erlaubt, während ihr Export - durchbrochene rote Pfeile - verboten ist. Um durch Handel Geld zu verdienen, wie es das merkantilistische Prinzip vorsah, war die billige Beschaffung von Rohstoffen unabdingbar. Der Ausbau der bereits vorhandenen Niederlassungen und die Eroberung neuer Kolonien sollten hierfür die Voraussetzungen schaffen. Colberts „ozeanische Visionen richteten sich auf ein atlantisches Reich, mit dem Schwerpunkt in Kanada … und einen Ausbau der mittelamerikanischen Inselpositionen. … Noch anspruchsvoller waren Colberts Pläne für die andere Erdhalbkugel: ein indisches Reich der Franzosen…“. Die strategische Sicherung des Zufahrtsweges um Afrika herum „sollte der Guineaküste entlang durch St. Helena und das Kapland gesichert werden, in Madagaskar den Hauptstützpunkt finden … von Vorderindien und Ceylon aus sollte ein Vorstoß in das Reich der tausend indonesischen Inseln unternommen werden.“[34] Wirklichkeit: Colbert gründete 1664 eine westindische und eine ostindische Handelskompagnie. Die Provinz Kanada erhielt einen eigenen Intendanten und eigene Truppen. Colbert förderte dort die Einwanderung, so dass die Bevölkerung von 1663 bis 1685 von 3000 auf 10.000 Menschen anstieg. [35] „Die Kolonie versorgte sich selbst, baute Schiffe und exportierte vor allem Pelze und Fisch nach Frankreich.“[36] 1682 wurde „Louisiana“ an der Mississippi-Mündung in Besitz genommen. Da Frankreich zusätzlich mehrere Antilleninseln besaß, schien Colberts Plan aufzugehen. Allerdings hatte Kanada im Vergleich mit den karibischen Besitzungen dem Mutterland wenig zu bieten. Es lieferte v.a. Pelze, die westindischen Inseln dagegen Zucker, Farbstoffe, Tabak und Baumwolle. Entgegen seinen ursprünglichen Absichten wandte sich Ludwig XIV. aber schon 1672 von der Kolonie in Kanada wieder ab und entzog ihr seine Unterstützung. Auch Unternehmungen der dortigen Intendanten, die französische Einflußsphäre weiter auszudehnen, kommentierte Colbert 1674 kühl, denn es sei nicht die Absicht seiner Majestät, dass große Reisen und Entdeckungen in das Landesinnere durchgeführt würden, es ginge darum die küstennahen Orte mit ihrer Verbindung nach Frankreich zu entwickeln.[37] Letzten Endes, denn auch die Versuche zur Schaffung eines ‚indischen Reiches“ waren gescheitert, [38] bestand das ‚größere Frankreich’ nur aus einem vernachlässigten Kanada, einigen älteren Plätzen an der westafrikanischen Küste und aus einigen Inseln der Karibischen See. „Colbert erlebte selbst noch das Scheitern seines Lebenswerkes.“[39]
5. Ausbau der Infrastruktur in Frankreich
Konzept: Colbert wollte den Binnenhandel ankurbeln. Dazu forderte er den Abbau der „überall im Lande und an den Flüssen errichteten Zollstationen“ und beklagte den schlechten „Zustand der Landstraßen“.[40] Wirklichkeit: Die Infrastruktur des Landes konnte nur teilweise verbessert werden. Zwar ließ Colbert 800 neue Poststationen errichten und den Canal du Midi bauen, der – 1681 eröffnet – den Seeweg um Spanien einsparte,[41] aber der geplante großzügige Bau von Straßen und Kanälen scheiterte an den fehlenden Geldern. Während der Regierungszeit Ludwigs XIV. wurden lediglich fertig gestellt:[42] 1642 Canal de Briare; 1681 Canal des Deux Mers (Canal du Midi) ; 1682 Canal de Calais; 1692 Canal d'Orléans. Viele große Kanäle wie der Canal du Rhône, der den Canal du Midi mit der Rhône verband, der Canal de Nantes à Brest, der Canal du Rhône à Rhin usw. wurden erst im 19. Jahrhundert errichtet und brachten erst dann eine umfassende Verbindung der französischen Wasserstraßen.
6. Industrie [43]
Konzept: Ein wichtiger Baustein in Colberts Plänen war die Förderung der Industrie. Dazu brauchten die Industrien Geld und Facharbeiter. Die Schulbuchkarte bildet Fabrikgebäude ab, die die Fertigwaren herstellenden Manufakturen darstellen. Die dunkelblauen Pfeile zeigen, dass der Export von Fertigwaren erlaubt, während ihr Import – durchbrochene dunkelblaue Pfeile – untersagt ist. Die hellblauen Pfeile deuten die gewünschte Einwanderung von Facharbeitern an.
Wirklichkeit: Facharbeiter ließ Colbert aus den Nachbarländern (spanische Niederlande, Holland, England, Deutschland, Italien und Spanien) anwerben. Den neuen Manufakturbetrieben beschaffte er „Steuerfreiheit, hohe Subventionen und Kredite“. Zugleich befreite er sie von einengenden Zunftvorschriften. Allerdings: Finanzielle Hilfen des Staates erfolgten ausschließlich zugunsten der Manufakturen. Entsprechende Unterstützung für die Landwirtschaft gab es nicht und damit auch nicht für die überwiegende Mehrheit der französischen Bevölkerung. Wie sehr Colbert die Manufakturen gegenüber dem Handwerk bevorzugte, zeigt das Beispiel des französischen Tuchexports in die Levante: Durch Exportprämien wurde das französische Tuch gegenüber der leistungsfähigen englischen und holländischen Tuchindustrie vom Start an konkurrenzfähig. Handwerksbetriebe wurden von diesen Prämien ausdrücklich ausgenommen,[44] obwohl die handwerklichen Gewerbezweige von ungleich größerer Bedeutung für die gesamte Wirtschaft waren. Luxuswaren (Textil, Porzellan, Lederwaren, Seifen und Parfümherstellung) sowie Rüstungsartikel bildeten das Hauptkontingent französischer Industrieprodukte jener Zeit.[45] Insgesamt sind die Manufakturen in ihrer Bedeutung sehr überschätzt worden. Sie unterstanden direkt der Krone und haben sich daher im Schrifttum unverhältnismäßig oft niedergeschlagen.[46] Neben den Kriegen Ludwigs XIV., welche die wirtschaftliche Entwicklung massiv behinderten, wurde auch die Religionspolitik zum Hemmnis. Nach der Aufhebung des Edikts von Nantes (1685) wanderten viele hugenottische Facharbeiter ins protestantische Ausland ab. "So musste sich z.B. der holländische Tuchfabrikant van Robais, der in den sechziger Jahren in Abbéville eine Fabrik von 4000 Arbeitern aufgebaut hatte, nach 1685 zurückziehen."[47]
7. Zollpolitik
Konzept: Der Zolltarif von 1664 war gegenüber den ausländischen Importen noch maßvoll, 1667 erfolgte eine Erhöhung der Außenzölle um das Dreifache, womit vor allem der holländische Handel abgeblockt werden sollte.[48] In der Schulbuchkarte steht die ganz Frankreich umgebende Mauer für die Zollgrenzen. Sie ist nur durch einige wenige Tore durchbrochen.
Wirklichkeit: Nach der Erhöhung der französischen Außenzölle im Jahr 1667 unterband Holland 1670 seinerseits die Einfuhr französischer Waren. Im Frieden von Nimwegen (1679) musste Frankreich wieder zu seinem gemäßigten Zolltarif von 1664 zurückkehren. Schon 1677 hatte es mit England einen Handelsvertrag abgeschlossen. Auch Colberts Nachfolger sollten später ebenfalls Handelsverträge abschließen müssen, die nicht im Sinne des extremen Colbertismus lagen.[49] Frankreich konnte auf Dauer weder die anderen Staaten dominieren, noch sich den wirtschaftlichen Kräften entziehen. Am Ende war der französische Markt für fast alle englischen Waren weit geöffnet, während der englische Markt den französischen Waren versperrt war. Auch auf der iberischen Halbinsel sowie in Südamerika büßten französische Kaufleute fast alle Privilegien ein.[50] Ab 1700 ging man sogar so weit Dünkirchen, Marseille, Bordeaux und Bayonne zu Freihäfen zu erklären.[51] Die wirtschaftliche Abschottung Frankreichs gegenüber seinen europäischen Nachbarn war völlig gescheitert. Ebenso gelang es nicht die Binnenzölle zu beseitigen. Nur die 12 „inneren“ Provinzen konnten zu einer Zolleinheit zusammengefasst werden, später kam das Elsaß noch dazu. Und in diesem neuen einheitlichen Zollgebiet fiel auch nur die „traite“[52] weg, die Mehrzahl der “péages“ (Straßen- und Brückenzölle) blieb erhalten.[53]
Zusammenfassung
Was bleibt von der Aussage des Schulbuchs „Colbert hatte mit seiner Wirtschaftspolitik Erfolg“? Zwar hat Colbert zu seinen Lebzeiten durchaus auch Erfolge seiner Politik vorweisen können – ein Einwand, der hier allerdings nicht gelten kann, denn das Schulbuch bietet die Differenzierung zwischen der Zeit, in der Colbert als Minister die Wirtschaft lenkte (bis 1683), und jener Zeit, in der Ludwig XIV. regierte (1661-1715), nicht an. Im Schulbuch ist der Merkantilismus „das“ charakteristische Wirtschaftssystem für das Frankreich Ludwigs XIV., ja für den Absolutismus überhaupt. Daher muss die Richtigkeit der Schulbuchaussagen auch für die gesamte Regierungszeit Ludwigs XIV. gelten und darf sich nicht nur auf die Zeit Colberts beziehen. Dass im Schulbuch eine differenzierte Darstellung kaum möglich ist, leuchtet ein. Dass hier aber eine zeichnerische Darstellung ohne zusätzliche Richtigstellung regelrecht kultiviert wird, ist kaum nachvollziehbar – mag sie zur Erläuterung dessen, worin das Konzept Colberts bestand, noch so hilfreich und einleuchtend sein. Eine Schwäche dieser Zeichnung ist, dass sie den Eindruck eines zentralistisch und einheitlich regierten Staates vermittelt. Dabei aber galt, dass "rechtliche, wirtschaftliche und verkehrstechnische Gründe … bis in die Revolutionszeit entscheidende Hindernisse für die Schaffung eines funktionierenden zentralistischen Staates" bildeten.[54] So klagt im Jahre 1686 in Rouen der dortige Intendant: "Das Getreide sinkt so stark im Preis, dass es überraschend ist. ...man findet keinen Absatz. In Anbetracht der bevorstehenden schönen Ernte, die ein ruinöses Überangebot hervorrufen wird, ist es wichtig, Getreide aus dem Königreich auszuführen...". Seine Sorge um den Preis steht im Kontrast zu den Klagen des Intendanten im nicht allzu weit entfernten Poitiers, dass "an manchen Orten das Elend so groß ist, dass die Einwohner gezwungen sind, aus Mangel an Brot gekochtes Gras zu essen."[55] Der jeweilige Blick reichte demnach nur bis zu den jeweiligen regionalen Grenzen, ein Überblick über das Ganze war offensichtlich nicht vorhanden. Frankreich war noch kein geschlossener Binnenmarkt. Noch fehlte es an ausreichender Einsicht in den komplexen Mechanismus von Staat und Wirtschaft. Noch hatte das von Colbert entwickelte System zu viele Schwachstellen. Der staatliche Dirigismus ist nur eine davon. Die Niederländer waren hier weiter. Mandrou spricht von einem "übertriebenen Merkantilismus", der oft als „Colbertismus“ bezeichnet worden sei und der lange das Denken der Politiker und später der Historiker in Unruhe versetzt habe und der oft "beträchtlich überbetont" worden sei.[56] Dem kann man allerdings entgegenhalten, dass der absolutistische Staat mit seinen neuen wirtschaftlichen Regelungen, den direkten und v.a. den indirekten Steuern, den Subventionen für die neuen Industrien, den zunftfreien Räumen der Manufakturen, den Zöllen und Privilegien, seinen Maßnahmen zur Infrastruktur, seinen vielen direkten Eingriffen in den wirtschaftlichen Ablauf, dass dieser Staat im Vergleich zum Mittelalter ein anderer Staat geworden war, dass er seine Aufgaben neu definierte und dass er in ein anderes Verhältnis zu seinen Bürgern getreten war. Dieser Staat macht jetzt die Wirtschaftspolitik zu seiner Aufgabe, er überlässt sie nicht mehr den Individuen, den Kaufleuten und Zünften. Auch wenn das wirtschaftliche System noch nicht ausgewogen ist, auch wenn es noch zu sehr darauf ausgerichtet ist die Bedürfnisse des Königs und nicht der Bürger zu befriedigen, auch wenn die Beharrungskraft überkommener Strukturen noch zu dominant ist, es ist unverkennbar: Der moderne Staat ist auf dem Weg. Solche Überlegungen aber spielen in dem hier vorgestellten Kapitel keine Rolle. Ich wende mich nicht dagegen, dass versucht wird mit Hilfe dieser Darstellung den Grundgedanken des Merkantilismus zu erklären. Mein Vorwurf ist auch nicht, dass das Konzept Colberts falsch dargestellt würde. Mein Vorwurf ist, dass das Konzept als Realität verkauft wird. Die komplizierte Mischung von alten und neuen, von beharrenden und modernen Elementen, dieses Kräftespiel, das auch ein Scheitern einschließt, wird zugedeckt. Geschichte wird eindimensional: Colbert kam aus dem Dunkel der Geschichte, sah das Problem, entwarf ein neues Konzept und der Erfolg war da – allerdings ist es so leichter zu unterrichten. Die zeichnerische Darstellung des Merkantilismus, die sich in den genannten Schulbüchern ausnahmslos findet, ist hier zum didaktischen Selbstläufer geworden. Die Wirtschaft des französischen Staates im Zeitalter des Absolutismus reduziert sich ausschließlich auf die Darstellung und Erklärung der Funktionsweise der von Colbert vertretenen Form des Merkantilismus. Genauso notwendig aber wäre zu zeigen, dass und warum dieses Konzept nicht funktionierte. In dem besprochenen Schulbuch aber findet sich nicht einmal die Andeutung eines Zweifels.[57] Die richtige Schlussfolgerung müsste lauten: Auf die Dauer hatte Colbert mit seiner Wirtschaftspolitik in Frankreich keinen Erfolg – trotz seiner Einsichten in die Notwendigkeit staatlicher Finanz- und Wirtschaftspolitik, trotz aller Maßnahmen zur Vermehrung der staatlichen Einkünfte, trotz kurzfristiger Erfolge.[58]
Zitierhinweis:
Neifeind, Harald. „Colbert kam, sah und - siegte? - Ein Schulbuch und sein Merkantilismus“ Eckert.Analysen 2009/2.
www.edumeres.net/urn/urn:nbn:de:0220-2009-00565.![]()
