Moderne
Gerdien Jonker; Marcus Otto; Sarhan Dhouib und Moez Khalfaoui
Begriffsbestimmung, Multiple Modernities, Moderne aus arabischer Sicht
Moderne - Begriffsbestimmung
Bearbeiterin: Gerdien Jonker
Am Ende seines umfangreichen Lexikonartikels - und damit am Ende der von ihm beschriebenen Zeit – stellt Hans Ulrich Gumbrecht fest, dass Anno 1973 modern eine Bewegungskategorie geworden, und Moderne nichts als ein Durchgang zwischen Vergangenheit und Zukunft ist. Dahinter verbirgt sich ein Zeitempfinden, das die Gegenwart zu einer Stecknadelspitze hat schrumpfen lassen. Gegenwart, so lautet das Fazit, ist dazu da, Zukunft zu gestalten: „Modern ist, was auf Zukunft bezogen ist und in der Zukunft zu verändern sein wird“ (S.126).
Obwohl der Artikel datiert ist (die Debatte über die Postmoderne setzte 1979 ein), fasst Gumbrecht wie wenig Andere den Bedeutungswandel von modern/Moderne aus westeuropäischer Sicht über einen langen Zeitraum zusammen. Der Bogen reicht von AD 495 bis 1974, von der Unterwerfung der Gegenwart unter das Diktat der Tradition, über ihre Neupositionierung als einen Wert an sich, bis hin zu der Beschleunigung der Zeit, die die Gegenwart allenfalls noch als Durchreiche für die Gestaltung von Zukunft wahrnimmt. Damit ruft der Autor ins Bewusstsein zurück, dass die beiden Termini immer zuerst die Bewertung der – zuerst ästhetischen, später auch politischen und naturwissenschaftlichen - Erzeugnisse der eigenen Gegenwart beschreiben, und zwar in ihrem Verhältnis sowohl zur Vergangenheit als auch zur Zukunft.
Bis ungefähr 1800 hatte Modernus eine überwiegend negative Konnotation, verwies der Terminus doch auf diejenigen Künstler und Literaten, die offensichtlich die Vorschriften der Väter vergessen hatten, also nicht gemäß der Tradition arbeiteten. Die Ehrfurcht vor den Errungenschaften der Antike ließ den Wert der Kunstwerke der eigenen Zeit zusammenschrumpfen. Dafür erschien das antike Vorbild jeder Gegenwart als unerreichbar, an das sie sich jedoch Imiitatio und Simulatio versuchte anzunähern.
Die ersten Schritte auf dem Pfad, um mit diesem – negativen – Gegenwartsbewusstsein zu brechen, datiert der Autor auf die Zeit um 1700 in Frankreich, nämlich in die Zeit der Gelehrtendebatte Querelles des Anciens et des Modernes (1687-1707). Hier wurde zum ersten Mal in Westeuropa um Positionen gerungen, um den Errungenschaften der eigenen Zeit einen eigenen – positiven - Wert einzuräumen. Diese Debatte bezog sich auf die Kunst- und Literaturproduktion und versuchte vor allem, der bloßen Nachahmung etwas entgegen zu setzen. Sie begann mit einem Paukenschlag, nämlich der offenen Erklärung eines Überlegenheitsgefühls gegenüber der Antike sowie der Abwertung antiker Kunstwerke als nicht in Übereinstimmung mit dem zeitgemäßen Geschmack. Am Ende der Auseinandersetzung standen vier Einsichten, die für die Weiterentwicklung der Begriffe entscheidend sein sollten:
- Leistungen sind an den eigenen Sitten und am eigenen Geschmack zu messen, mit anderen Worten, es kann weder ‚dunkle’ noch ‚vorbildhafte’ Zeiten geben.
- Die Anerkennung der Eigenheit jeder Epoche verbietet jeden Versuch einer historisch rückwärts gewandten Nachahmung.
- Modern erfasst das Transitorische des historischen Augenblicks.
- Eine moderne Entwicklung folgt in unterschiedlichen Erfahrungsbereichen (Kunst, Politik, Naturwissenschaften) jeweils eigenen Ablaufgesetzen.
Die Gelehrtendebatte blieb zunächst nur den Eliten vorbehalten. Die französische Revolution adoptierte sie nicht, um ihr Tun zu bestimmen. Zwar bedeutete die Revolution einen Bruch mit der Vergangenheit, zu der kein Weg zurückführen sollte. Die Gegenwart wurde aber nicht als etwas empfunden, dem ein eigener Wert innewohnt. Die Gegenwart bereitete allenfalls eine Bewertung durch die nachfolgenden Generationen vor.
Erst um 1800 wurde die Schraube eine Umdrehung weiter angezogen, und zwar in Deutschland. Hatte Winckelmann ca. 1780 noch einmal festgestellt, dass die Antike der einzige Weg sei, so fragte Herder zum ersten Mal nach der Eigengesetzlichkeit und der Struktur der Abfolge der auf einander folgenden Epochen. Wie könne man, so Herder, das Verhältnis zwischen Vorhergehenden und Nachfolgenden, alt und neu, früher und jetzt bestimmen? 1795 formulierte Friedrich Schiller die Antwort, indem er eine Verschiebung der Bewertung vorschlug: Galt für frühere Generationen „schön“ als Ideal für gute Poesie, so sollte sie heute „interessant“ sein. Waren Künstler früher „naiv“ und „natürlich“, so waren sie heute „künstlich“ und „sentimentalisch“. Mit dieser Verschiebung gelang es ihm, das Gegenwartsbewusstsein vom verpflichtenden Paradigma der Antike zu befreien. Wie Wilhelm von Humboldt kurze Zeit später formulierte: „Sie waren bloß, was sie waren. Wir wissen noch, was wir sind und blicken darüber hinaus. Wir haben durch Reflexion einen doppelten Menschen aus uns gemacht“ (1803).
Mit diesen und zahlreichen anderen Formulierungen wurde modern / Moderne nach und nach einem grundlegenden Bedeutungswandel unterzogen, mit dem auch ein grundsätzlicher Wandel des Zeitempfindens einherging. Um 1830 zog der Begriff in die Wörterbücher ein und wurde Teil der normgebundenen Semantik. Es stellte sich nun die Erfahrung von Zeitbeschleunigung ein, welche die Gegenwart nur noch als einen bloßen Durchgangspunkt begriff. Der Dichter Baudelaire beschreibt die Atemlosigkeit, die damit einherging: Le modernité, c’ est le transitoire, le fugitif, le contigent. Das Gegenüber der Moderne heißt nicht mehr die Antike oder das Erbe der Väter, sondern „ewig“.
Darüber, welche Bedeutung das Projekt der Moderne für den Einzelnen erhalten konnte, welche Rechte man daraus gezogen und zu welchen Handlungszwängen es geführt hat, darüber haben erst die postmodernen Autoren geschrieben. Zumindest eine Richtung zeichnet sich schon während der Französischen Revolution ab, als Saint Just die Exekution des Königs damit begründet, man setze sich sonst dem Vorwurf der Nachwelt aus, hinter die Antike zurückgefallen zu sein. Von dort führt gedanklich ein gerader Weg in die totalitären Utopien des 20. Jahrhunderts sowie in die „objektive Notwendigkeit“, mit der die Nationalsozialisten den Millionenmord begründeten.
Ein anderer Weg mündete bekanntlich in den Willen, der restlichen Welt den eigenen Begriff von Moderne überzustülpen. Gumbrecht stellt fest, die Soziologie habe seit 1960 die „Modernisierung“ zum Kern der Entwicklungsbemühungen in den Ländern der sogenannten dritten Welt gemacht. Deren Anpassung an die Moderne verlaufe demnach „in einer überschaubaren Etappe zwischen Dekolonisierung und unserer eigenen Gegenwart“ (S. 129). Da hatte die Soziologie modern schon längst zum Leitbegriff erhoben. Die Moderne war ihre Selbstbeschreibungsformel, um sich von Anderen abzugrenzen. Für die Existenz moderner Gesellschaften wurde die Festlegung „primitiver“ Gesellschaften geradezu zur Voraussetzung. Erst Habermas vermochte es wieder, den Blick dafür zu öffnen, dass das Begriffpaar Moderne/modern historisch gewachsen und damit an Zeit und Raum gebunden war.
Heute wissen wir auch, dass die ehemals Kolonisierten nicht den westeuropäischen Begriff der Moderne übergestülpt bekommen möchten. Ein Zeitgefühl, das ausschließlich auf Zukunft ausgerichtet ist, den Blick auf Vergangenheit verstellt und zudem keine Hinweise bietet, wie man sich mit der jeweilig eigenen Tradition arrangieren soll, erweist sich für sie als wenig hilfreich.
Wer Schulbuchnarrative über einen langen Zeitraum untersucht oder sich anschaut, wie sich die Meistererzählungen der europäischen Schulbücher im Laufe der Jahrhunderte ändern, der begegnet der allmählichen Bedeutungsänderung von modern auf Schritt und Tritt; Sie schießt sozusagen wie ein Weberschiffchen durch das Gewebe der Geschichtsbücher.
Auch für die Auseinandersetzung mit „Moderne aus arabischer Sicht“ und dem sich damit verknüpfende Interesse zu verstehen, warum in den Schulbüchern der arabischen Staaten Modernität unterschiedlich diskutiert wird, lohnt es sich, den Entscheidungen, die auf dem historischen Pfad des Wortpaars Moderne / modern getroffen wurden, keinen Ewigkeitswert beizumessen, sondern den Begriff noch einmal kritisch zu hinterfragen.
Multiple Modernities
Bearbeiter: Marcus Otto
Der Begriff und theoretische Ansatz der „Multiple Modernities“ ist vom israelischen Soziologen und Zivilisationstheoretiker Shmuel N. Eisenstadt entwickelt und geprägt worden. Das Konzept entstand in kritischer Auseinandersetzung mit den Modernisierungstheorien der 1960er Jahre, die die westliche Moderne zum Entwicklungsmodell für sämtliche Gesellschaften erhoben haben. Eisenstadt griff dabei die Theorie der Achsenzeit, die von Karl Jaspers geschichtsphilosophisch formuliert wurde, soziologisch und modernitätstheoretisch auf. Demnach vollzog sich etwa zwischen 600 v. Chr. und 500 n. Chr. in unterschiedlichen Zivilisationen und zunächst unabhängig voneinander ein tief greifender kultureller Umbruch, der gleichsam eine Vorbedingung zur Entstehung der Moderne darstellte. So vollzog sich in dieser Zeit vor allem ein „Durchbruch zur Transzendenz“ und damit verbunden eine Differenzierung zwischen Politik und Religion, die wiederum das charakteristisch moderne Spannungsverhältnis zwischen beiden präfigurierte.
Im Unterschied zu Jaspers, dem es darum ging, zu zeigen, dass diese postaxiale Konstellation letztlich nur in der westlichen Welt zur (technisch-naturwissenschaftlichen) Moderne geführt habe, akzentuiert Eisenstadt allerdings, dass aus dieser Konstellation heraus eine „Vielfalt der Moderne“ entstand, wobei auch Eisenstadt Europa eine privilegierte Rolle in der Verbreitung der Moderne zuschreibt. Dabei begreift er Moderne als kulturelles Programm, das eine strukturelle und eine institutionelle Dimension umfasst und in den verschiedenen zivilisatorischen Kontexten jeweils unterschiedlich ausgeprägt wurde. Darüber hinaus verweist das Konzept auch auf die historischen und genealogischen Verflechtungen zwischen diesen verschiedenen Formen der Moderne, ohne dass es jedoch ein Instrumentarium bereit stellte, diese systematisch zu untersuchen.
Das Konzept der multiple modernities hat Eisenstadt außerdem dazu geführt, die „Antinomien der Moderne“ gleichsam kulturübergreifend in den Blick zu nehmen. Besonders der gleichlautende Text, der sich mit den „jakobinischen Grundzügen der Moderne“ und dem „Jakobinismus in der Konstitution (moderner) fundamentalistischer Bewegungen“ befasst, ist in diesem Zusammenhang lesenswert.
Moderne aus arabischer Sicht
Bearbeiter: Sarhan Dhouib und Moez Khalfaoui
„Hadatha“ entspricht dem deutschen Terminus „Moderne“, der stark mit der Aufklärung verbunden ist. Mit der Expedition Napoleons nach Ägypten (1798-1801) wurde in der arabisch-islamischen Kultur ein Prozess ausgelöst: Mit dem Ausdruck „Schock der Moderne“ (Sadmat al Hadatha) bezeichneten die arabischen Intellektuellen das erste Zusammentreffen zwischen der Französischen Aufklärung und der arabisch-islamischen Kultur. Die Debatte über die Moderne und die Tradition im arabischen islamischen Denken hängt mit der Frage nach dem „Fortschritt“ versus dem „Rückschritt“ zusammen. Bezüglich dieser Frage kann man die drei folgenden Auffassungen skizzieren:
(A) Die liberale Auffassung betrachtet die Europäische Aufklärung als universal und versteht ihre Prinzipien als Normen, die an der Menschheit ausgerichtet sind. Tahtawi gilt dafür als ein gutes Beispiel.
(B) Die religiöse Auffassung (Salafiyya) steht der europäischen Moderne, die aus der Aufklärung hervorgegangen ist, sehr kritisch gegenüber. Afgani ist in diesem Kontext ein Vertreter der Salafiya.
(C) Die „rationalistische Auffassung“ setzt sich – ausgehend von der rationalistischen Tradition in der arabisch-islamischen Kultur – mit der europäischen Moderne auseinander und versucht die Kontinuität und die Diskontinuität zwischen den beiden Denkweisen zu aufzuzeigen. Die „arabischen Averroisten“ können hier als Beispiel genannt werden.
Die Kernfrage der arabisch-islamischen Diskussion um die „Moderne“ war und ist noch immer: „Welche Gründe stecken hinter dem Fortschritt des Westens?“ (asbab taqadum al Gharb). Arabische Denker bedauern dabei, dass die arabisch-muslimische Kultur nicht rechtzeitig auf den Zug der „Zivilisation“ aufgesprungen ist. Diese Frage ist mit der Frage „Wie kann man das arabische Denken erneuern?“ verzahnt. Die Antwort auf diese Frage hängt lediglich von der Position gegenüber der westlichen Kultur ab. Liberale vertreten die Auffassung, dass die westliche Kultur als Ganze als Modell für die arabische Modernisierung dienen sollte. Die Salafisten hingegen unterscheiden zwischen der westlichen Wissenschaft und der westlichen Kultur und Gesellschaft. Sie plädieren für die Nachahmung des europäischen Modells in seinen industriellen Teilen, lehnen jedoch dessen kulturelle Teile ab. Die arabischen Rationalisten plädieren für eine kritische Auseinandersetzung mit der europäischen Moderne ohne jedoch ihre grundlegenden rationalen Prinzipien abzulehnen.
Literatur
- Eckert, Andreas: Kolonialismus, Moderne und koloniale Moderne in Afrika. In: Jörg Baberowski, Hartmut Kaelble und Jürgen Schriewer (Hrsg.): Selbstbilder und Fremdbilder. Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel. Frankfurt am Main: Campus 2008, 53-67.
- Eisenstadt, Shmuel N.: Die Vielfalt der Moderne. Weilerswist: Vielbrück 2000.
- Eisenstadt, Shmuel N. (Hrsg.): Multiple Modernities. New Brunswick, NY: Transaction Books 2002.
- Eisenstadt, Shmuel N.: Die Antinomien der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996.
- Gumbrecht, Hans Ulrich: Modern, Modernität, Moderne. In: Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 4. Stuttgart: Klett-Cotta 1978, 93-131.
- Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen. Frankfurt: Suhrkamp 1988.
- Hanafi, Hassan: Tradition and Modernism between Continuity and Discontinuity. Possible Models and Historical Options. In: Claudia Bickmann u.a. (Hrsg.): Tradition und Traditionsbruch zwischen Skepsis und Dogmatik. Interkulturelle philosophische Perspektiven. Amsterdam/New York: Rodopi 2006 527-538.
- Stauth, Georg und Marcus Otto: Méditerranée. Skizzen zu Mittelmeer, Islam und Theorie der Moderne. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2008.
(Zuletzt bearbeitet: 12. Juni 2009)
