Das „Andere“ in der kartographischen Darstellung der Kreuzzüge in deutschen Geschichtsbüchern (Daniel Eisenmenger)
In den letzten Jahren gab es drei Haupttendenzen bei der Darstellung der Kreuzzüge in deutschen Schulgeschichtsbüchern: Zunächst wurde neben den kriegerischen Auseinandersetzungen der Aspekt des Kulturaustausches bzw. –transfers zwischen muslimischen und christlichem Kulturkreis betont. Dieser nimmt mittlerweile in den Schulbüchern oft mehr Raum ein als die Beschreibung der Konflikte. Nicht immer wird dieser Austausch auf der iberischen Halbinsel, Süditalien und Sizilien verortet, sondern fälschlicherweise mit den Kreuzzügen in Verbindung gebracht.[1] In allen neueren, durchgesehenen Geschichtsbüchern findet sich eine konsequent multiperspektivische und teilweise kontroverse Darstellung der Kreuzzüge durch die Berücksichtigung christlicher, muslimischer sowie vereinzelt jüdischer Quellenauszüge.[2] Den Schwerpunkt bildet meist der erste Kreuzzug, bei dem die Eroberung Jerusalems auch aus der Sicht arabischer Chronisten geschildert wird. Spätestens seit dem berühmt gewordenen Diktum George W. Bushs vom „Kreuzzug [...] gegen den Terror“ aus dem Jahr 2001 und der medialen Allgegenwart einer islamistischen Terrorgefahr besitzt das Thema zudem einen starken Gegenwartsbezug, der sich in vielen der aktuellen Schulbüchern widerspiegelt.[3]
Suggestive Konfrontation zweier Blöcke
Trotz der genannten Akzentverschiebungen bleibt die Perspektive zweier scheinbar homogener religiöser Blöcke erhalten. Zugleich suggeriert die Darstellung in den Geschichtsbüchern eine politische Einheit von christlicher und muslimischer Welt. Dies ist insofern problematisch, als damit ein schon im mittelalterlichen Kreuzzugs-Diskurs angelegter Antagonismus reproduziert, aber nicht kritisch reflektiert wird. In den durchgesehenen Geschichtsbüchern werden christliche (geteilt in römisch-katholische und griechisch-orthodoxe) und islamische Welt auf einer Karte mit unterschiedlichen Farben gegenübergestellt. Pfeile markieren die Bewegungen einzelner Kreuzzüge, die in der Legende eine zeitliche Einordnung erfahren. Während in anderen Kapiteln die politische Aufteilung Europas im Mittelalter sowohl in den Verfassertexten als auch in Karten auftaucht, ist dies nicht der Fall für den islamischen Raum, der zur Zeit der Kreuzzüge keineswegs homogen war. In der Regel zeigen deutsche Schulbücher in vorangehenden Kapiteln nur eine weitere Karte zur Geschichte der islamischen Welt: die Ausbreitung und territoriale Entwicklung des Islam nach dem Tod Mohammeds. Karten als Bildmaterial sind in der Regel wesentlich wirkmächtiger und erzeugen nachhaltigere Bilder in den Köpfen der Schüler als Texte.
Psychologische Perspektive auf Identitätsbildung und das „Fremde“
Der eingangs beschriebene Paradigmenwechsel hin zur Betonung des Kulturaustauschs zwischen islamischer und römisch-christlicher Welt sowie zahlreiche Verweise auf die „zivilisatorische Überlegenheit“ der islamisch geprägten Länder im Mittelalter sind gut gemeint und haben zu wichtigen Korrekturen der Darstellung geführt.[4] Schaut man sich jedoch an, was die Psychologie an Erkenntnissen zum Thema „Fremdheit“ anbietet, scheint es dringend geboten, die bisher umgesetzten Vorschläge zum interkulturellen Lernen zu erweitern und besonders im Hinblick auf das sensible Verhältnis von Christen und Muslimen die Darstellung der beiden Räume als geschlossene politische Blöcke zu revidieren.
Die Zuordnung und Einteilung in „Wir“-Gruppen und in Gruppen der „Anderen“ bzw. der „Fremden“ dient der Bildung von Identitäten. Historisch lassen sich unzählige Beispiele für die Konstruktion beliebiger Gruppen zu „Fremden“ finden. Die Aufwertung und Idealisierung dieser Fremdgruppen, wie zum Thema Kreuzzüge in den Geschichtsbüchern zu beobachten, ist dabei in der Regel nur die Kehrseite eines älteren Negativbildes. Strukturell ändert sich jedoch in dem bestehenden Ordnungsschema nichts.[5]
So wird sich die Mehrheit der Schüler aufgrund der Quellenauswahl durchaus kritisch mit den christlichen Kreuzfahrern als Vorgängern der eigenen Wir-Gruppe auseinandersetzen. Die Schüler der Mittelstufe werden die Taten der Kreuzritter nach Lesen der islamischen Quellen eher, meist sogar sehr negativ beurteilen und – im Sinne der Schulbuchautoren – zu einem positiven Bild einer kulturell hochstehenden islamischen Zivilisation kommen. Dabei werden überdies vorhandene Bilder in den Köpfen der Schüler über das „dunkle“ und rückständige europäische Mittelalter bestätigt und verfestigt.
Es ist ein vergleichsweise kleiner Schritt, sozusagen ein Wechsel des Vorzeichens, die andere Gruppe nicht mehr nur als negatives, sondern nun als positives Gegenbild des Eigenen wahrzunehmen. Im hier betrachteten Fall meint dies die Betonung der Blüte der islamischen Welt in Kultur und Wissenschaft gegenüber einem kulturell weniger entwickelten und gewalttätigen christlichen Europa. Ebenso schnell kann sich dieses Vorzeichen aber auch wieder ändern, so dass die fremde Gruppe aus anderen Gründen erneut negativ wahrgenommen wird. Zu betonen bleibt – und hier liegt das Problem –, dass das Bild einer vermeintlich homogenen Gemeinschaft „der Muslime“ bestehen bleibt.[6]
Die Kreuzfahrer als zusätzlicher Machtfaktor im Nahen Osten
Die geläufige Darstellung der Kreuzzüge als Konfrontation zwischen zwei politischen und kulturellen Blöcken entspricht dem Kreuzzugs-Begriff mittelalterlicher wie aktueller religiöser Eiferer auf beiden Seiten, gibt aber keineswegs ein korrektes Bild des historischen Geschehens wider. Der Forschungsstand zum Thema präsentiert ein anderes Bild: Sowohl auf der iberischen Halbinsel als auch im "heiligen Land" existierten eine Vielzahl von Verträgen und Bündnissen, die quer zum offiziellen Kreuzzugsdiskurs der Gegenüberstellung zweier verfeindeter Blöcke lagen. Damit ist nicht impliziert, dass der Kreuzzugsgedanke keinerlei konkrete Auswirkungen hatte. Im Gegenteil lassen sich sowohl auf muslimischer als auf christlicher Seite zahlreiche Effekte dieses bipolaren Denkens nachweisen, auch wenn religiöse Motive bei den einzelnen Teilnehmern nie klar von persönlichen, politischen oder wirtschaftlichen Antrieben getrennt werden können.
Die ursprüngliche politische Einheit der islamischen Welt existierte im 11. Jahrhundert nicht mehr und die Kreuzfahrer waren sich dessen bewusst. In einigen Gebieten islamischer Herrscher stellten die Muslime nicht einmal die Mehrheit der Bevölkerung, so z.B. im syrisch-palästinensischen Raum. Die Kreuzfahrer unterschieden seit ihrer Ankunft sehr deutlich zwischen den verschiedenen religiösen, politischen und ethnischen Gruppen wie den Griechen, Armeniern, Türken, Arabern und Juden im östlichen Mittelmeerraum.[7]
Die Muslime wiederum nahmen die Kreuzfahrer zunächst vorrangig als neue Söldner im Dienst des byzantinischen Kaisers wahr, der schon seit Jahrhunderten mit den verschiedenen Herrschaften im Nahen Osten in engem Kontakt stand. Schon unmittelbar nach der Ankunft der Kreuzfahrer lassen sich verschiedene Versuche der Bündnisbildung und der Abschluss von Verträgen nachweisen. So verhandelten die Kreuzfahrer lange mit den ägyptischen Fatimiden, die in den christlichen Heeren anfangs willkommene Verbündete im Kampf gegen die Seldschuken sahen. Auch der byzantinische Kaiser versuchte durch die Kreuzfahrerheere seine politischen Interessen im Nahen Osten zu sichern. Der schnelle Zug der Kreuzfahrer nach Jerusalem wurde nur durch Verhandlungen mit den auf dem Weg liegenden Städten mit weitgehend autonomen Herrschaften wie Beirut, Tyrus und Haifa ermöglicht. Umgekehrt wurden bei Streitigkeiten zwischen den Fürsten der Kreuzfahrerstaaten schon zu Beginn des 12. Jahrhunderts vorübergehende Bündnisse mit muslimischen Herrschern zur Unterstützung der eigenen Ansprüche gesucht.[8]
Die oft in Geschichtsbüchern zu findende Behauptung, der Erfolg der Kreuzfahrer lasse sich vor allem durch die Uneinigkeit der Muslime erklären, ist in diesem Zusammenhang problematisch, da impliziert wird, dass eine politische Einheit des muslimischen Raums der Normalfall sei. Dies ist aber ebenso wenig der Fall wie für das christliche Europa. Die Kreuzfahrerstaaten gliederten sich schnell in das multipolare Staatensystem des Vorderen Orients als weitere Faktoren ein. Eine Annäherung an diese politische Vielfalt im Geschichtsunterricht ermöglicht eine Relativierung des dominierenden Kreuzzugs-Antagonismus und eine differenzierte Sichtweise auf das Geschehen in der Vergangenheit aber auch auf das Verhältnis von mehrheitlich muslimisch und christlich geprägten Staaten in der Gegenwart.
Fazit
Die Gefahr einer dauerhaften Verfestigung zweier sich gegenüberstehender kultureller und politischer Blöcke und einer Übertragung dieser Vorstellung auf aktuelle Konflikte („clash of civilisations“) ist offenkundig. Es gilt aufzuzeigen, dass es sich keineswegs nur um einen starren Antagonismus zweier homogener Gruppen handelt – weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart und dies gilt unabhängig davon, ob man den Begegnungs- oder Konfliktcharakter betont. Daher wäre es nötig, die Darstellung der Kreuzzügen in den Geschichtsbüchern durch Ergänzungen zur multipolaren, islamischen Staatenwelt und zur Eingliederung der Kreuzfahrerstaaten in dieselbe zu präzisieren. Gleichfalls sollten eine oder mehrere Karten zeigen, dass es weder eine einheitliche muslimische Welt noch „die“ Muslime als Gegenpol zu den auch während der Kreuzzüge immer nur vorübergehend und teilweise geeinten westlichen Christen gegeben hat.[9] Nimmt man die vorangehenden Überlegungen ernst, müssten letztendlich die entsprechenden Kapitel in den Schulbüchern, in denen das überlieferte Narrativ einer dualistischen Gegenüberstellung von „Kreuzfahrern“ und „Muslimen“ weiterhin vorherrscht, grundlegend überarbeitet und neu geschrieben werden. Für die Oberstufe böte sich zudem an, die bedeutende Rolle des byzantinischen Reiches, die sonst kaum berücksichtigt wird, als weitere Perspektive hinzuzunehmen.
Der östliche Mittelmeerraum zeichnete sich im hohen Mittelalter ebenso wie heute durch eine hohe Komplexität vieler Herrschaften mit sehr heterogenen Bevölkerungsanteilen aus. Deren Berücksichtigung würde das bislang bipolare Ordnungsschema auflösen und der multipolaren politischen Wirklichkeit anpassen. Im Hinblick auf die zukünftige Gestaltung von Schulbüchern böten sich zahlreiche aktuelle Bezüge an, um hier zugleich heutige Sichtweisen und Vorurteile, z.B. im Hinblick auf eine vermeintliche Gefahr durch „die“ Muslime, zu korrigieren.
ANMERKUNGEN
[1] Siehe Jaspert (2004), S. 159; zum Wandel der politischen Strukturen in der islamischen Welt ab Anfang des 11. Jahrhunderts: Feldbauer (1996), S. 139f.
[2] Durchgesehene Geschichtsbücher, die die Kreuzzüge behandeln: Das waren Zeiten – Ausgabe C, Band 2, Bamberg (Buchner) 2004; Geschichte und Geschehen 1/2. Sekundarstufe I, Leipzig (Klett) 2005; Unsere Geschichte, Band 1, Frankfurt a.M. (Diesterweg) 1987. Für die Oberstufe: Geschichte und Geschehen. Antike und Mittelalter. Sekundarstufe II, Stuttgart (Klett) 2007; Buchners Kompendium Geschichte. Lehr- und Arbeitsbuch für die Oberstufe, Bamberg (Buchner) 2008; Geschichtsbuch Oberstufe. Band 1, Von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, Berlin (Cornelsen) 1995; Kursbuch Geschichte. Rheinland-Pfalz. Von der Antike bis zur Gegenwart, Berlin (Cornelsen) 2001.
[3] Das große Interesse zeigt sich auch an den Themenheften selben Titels „Kreuzzüge“ der praxisorientierten Zeitschriften für den Geschichtsunterricht: Geschichte lernen 120/2007 und Praxis Geschichte 16, Heft 1, 2003.
[4] Das entsprechende Kapitel zu den Kreuzzügen im neuesten der untersuchten Geschichtsbücher lautet dementsprechend: „Christen, Juden und Muslime – die Begegnung mit dem Fremden“, in Buchner (2008), siehe Anm. [3].
[5] Nestvogel (1995), S. 139.
[6] Vgl. dazu Wagner (1999), S. 12-14; Schäffter (1991), S. 19f.
[7] Tyerman (2007), S. 125.
[8] Siehe dazu v.a. Köhler (1991), aber auch Tyerman (2007), S. 125ff., 149ff.
[9] Beispiele für solchen Karten finden sich z.B. bei Kettermann (2001), S.36, 77ff.
LITERATUR
Interkulturelles Lernen
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NESTVOGEL, Renate, „‚Fremdes’ und ‚Eigenes’ zwischen Ausgrenzung und Vereinnahmung“, in: Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.), Die Wiedergeburt des nationalistischen Denkens: Gefahr für die Demokratie; eine Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 23./24. März 1995, Bonn 1995, S. 129-156.
SCHÄFFTER, Ortfried: „Modi des Fremderlebens. Deutungsmuster im Umgang mit Fremdheit“, in: Ders. (Hg.), Das Fremde. Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Faszination und Bedrohung, Opladen 1991, S. 11-42.
VON REEKEN, Dietmar: „Interkulturelles Lernen im Geschichtsunterricht“, in: Günther-Arndt, Hilke (Hg.), Geschichts-Didaktik. Praxishandbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2003, S. 233-240.
WAGNER, Ulrich, „Psychologische Beiträge zur Erklärung des Fremden“, in: Erdmann, Elisabeth (Hg.), Verständnis wecken für das Fremde: Möglichkeiten des Geschichtsunterrichts, Schwalbach/Ts 1999, S. 10-21.
Kreuzzüge und Islam
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IHTIYAR, Neşe / JALIL, Safiye / ZUMBRINK, Pia, „ Der Islam in deutschen Schulbüchern (1995-2002), in: Internationale Schulbuchforschung 26 (2004), S. 223-288.
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KÖHLER, Michael: Allianzen und Verträge zwischen fränkischen und islamischen Herrschern im Vorderen Orient. Eine Studie über das zwischenstaatliche Zusammenleben vom 12. bis ins 13. Jahrhundert, Berlin/New York 1991.
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TYERMAN, Christopher: God’s war. A new history of the crusades, London 2007.
Zitierhinweis:
Eisenmenger, Daniel. „Das 'Andere' in der kartographischen Darstellung der Kreuzzüge in deutschen Geschichtsbüchern.“ Eckert.Beiträge 2009/2.
www.edumeres.net/urn/urn:nbn:de:0220-2009-00042.
