Bericht zu "Kreuzzüge des Mittelalters und der Neuzeit". Universität Hildesheim. 16. und 17. Dezember 2011 (Ines Guhe)

Zusammenfassung

Die internationale Konferenz stellt sich in einem ersten Teil dem in den letzten beiden Jahrzehnten wiederholt gegen "den Westen" vorgebrachten Vorwurf, dass dieser noch immer "Kreuzzüge" führe. Aus verschiedenen Perspektiven, d.h. auch mit Beiträgern aus der arabischen Welt, wird diskutiert, inwieweit man eine neuzeitliche Säkularisierung der Kreuzzugsidee innerhalb des Westens behaupten kann, bzw. in welchen Bedeutungsrahmen die Begriffe "crusade" und "Kreuzzug" heute Verwendung finden und welche Definitionen sich hieraus ableiten lassen. In einem zweiten Teil werden geschichtskulturelle und unterrichtliche Bestandsaufnahmen zum Thema "Kreuzzüge" miteinander verglichen und schließlich aus den Ergebnissen des 'realgeschichtlichen' wie auch des rezeptionsgeschichtlichen Parts geschichtsdidaktische Konzequenzen gezogen.

Die Konferenzteilnehmerin Ines Guhe gibt einen zusammenfassenden Überblick über die zentralen Aussagen.

Das eigens für die internationale Konferenz „Kreuzzüge des Mittelalters und der Neuzeit“ erstellte Poster (s. Abb.) spiegelt eindrucksvoll die Ziele und Ansprüche wider, die Herr Dr. Hinz von der Uni Hildesheim mit der Konzeption und Organisati­on dieser Konferenz verband.

Durch das rote Georgskreuz, Zeichen der Kreuzfahrer, wird das Poster in vier Abschnitte unterteilt, von denen besonders die beiden Teile ins Auge fallen, in denen zwei beeindruckende Bilder der Kreuzzüge zu sehen sind. Eine der Darstellungen, ein Stich aus dem 19. Jahrhundert mit dem Titel „König Ludwig IX. vor Damiette während seines ersten Kreuzzugs 1249“ zeigt Ludwig IX von Frankreich auf einem Pferd, umringt von seiner Armee. Der König hält sein Schwert an seine Brust und blickt andächtig gen Himmel. Einige Kreuzritter sind auf die Knie gefallen und haben ihre Hände zum Gebet gefaltet. Im Hintergrund ist ein Meer an Flaggen zu erkennen. Das zweite Bild, ein offizielles Propagandaplakat der USA aus dem Ersten Weltkrieg, zeigt eine Szene, die deutliche Ähnlichkeiten zum ersten Bild aufweist. Der Titel „Pershing’s Crusaders“ verdeutlicht den gewollten Rückgriff auf die Kreuzzüge. Im Zentrum des Bildes – als Pendant zu König Ludwig IX von Frankreich im ersten Bild – steht der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte in Europa, John J. Pershing, ebenfalls zu Pferd und ebenfalls flankiert von seiner Armee. Ebenso bezeichnend wie der Begriff „Crusaders“ ist die im Hintergrund an ihren roten Georgskreuzen zu erkennende Kreuzzugsarmee zu Pferd, die – durch eine verblasste Darstellungsweise – wie eine Schar guter Geister die amerikanischen Soldaten bei ihrer Mission in Europa zu unterstützen scheint.

Die beiden Bilder verdeutlichen, wie die Kreuzzüge des Mittelalters auch noch viele Jahrhunderte später für politische Zwecke ge- und missbraucht wurden. Die internationale Konferenz hatte sich die Untersuchung dieser Nutzbarmachung des Konzepts und der Idee der mittelalterlichen Kreuzzüge zum Ziel gemacht. Außerdem sollten nicht nur fachwissenschaftliche Ergebnisse vorgestellt und diskutiert, sondern auch Fragen zum didaktischen Umgang mit dem Thema „Kreuzzüge“ im Schulgeschichtsunterricht erörtert werden.

Der erste, mit „History“ betitelte Teil der Konferenz begann mit dem Versuch einer Typologie und einer zeitlichen und definitorischen Einordnung der Kreuzzüge. Felix Hinz’ (Universität Hildesheim) einleitende Worte wiesen auf den „Zehnten Kreuzzug“ hin, für den sogar bereits ein Wikipedia-Artikel existiere und unter dem der Kampf der USA und des Westens allgemein gegen den „Terrorismus“ verstanden werde. Auf den ersten Kreuzzug zurückgreifend versuchte Hinz, Charakteristika eines Kreuz­zugs auszumachen, um die Frage zu beantworten, ob noch heute von Kreuzzü­gen gesprochen werden könne. Einig wurden sich die Konferenzteil­nehmerInnen in der anschließenden Diskussion darüber, dass die neuzeitlichen „Kreuzzüge“ deutlich von ihren religiösen Motiven abgelöst und von säkularen Ideen getragen würden.

Andreas Rüther (Ruhr-Universität Bochum) erläuterte in seiner historiographischen Einordnung, dass die Geschichtsschreibung zu den hochmittelalterlichen Kreuzzügen nicht als eine gesamteuropäische auffassbar sei, sondern allenfalls in eine französische, englische und deutsche Geschichtsschreibung gegliedert werden könne. Dabei falle auf, dass die deutsche Historiographie sich antagonistisch und kontrovers in erster Linie mit dem Kreuzzugsgedanken und der Kreuzzugsbewegung beschäftige (Karl Erdmann, Hans Eberhard Mayer), wohingegen die anglophone Geschichtsschreibung sich meist an Runcimans pro-byzantinischer, antilateinischer Linie mit einem militärisch„bellizistischen“ Fokus orientiere.

Jonathan Phillips’ (Royal Holloway, University of London) Vortrag nahm mit der Person Saladins einen konkreten Protagonisten des dritten Kreuzzugs in den Blick­punkt. Für Phillips war Saladins größtes Talent nicht die militärische Führung, sondern seine diplomatische Fähigkeit, durch die es ihm im 13. Jahrhundert gelang, die muslimischen Völker unter sich zu vereinen. Der Grund für seine Popularität auf arabisch-muslimischer wie europäisch-christlicher Seite lasse sich dadurch erklären, dass Saladins Bild als „Held des Islam“ durch zahlreiche Schreiber propagiert worden sei und dass dieses Bild auch das Europa erreichte, welches im 13. Jahrhundert vom aufblühenden Rittertum geprägt war. Es waren ritterliche Wesenszüge wie Tapferkeit, Kultiviertheit, Großzügigkeit, die Saladin – insbesondere in Abgrenzung zu seinem flatterhaften und launischen Rivalen Richard Löwenherz – auszeichneten.

Mazhar Ahmad Al-Zoby (Qatar) ging in seinen Ausführungen der Frage nach, ob mili­tärische Unternehmungen außerhalb des Heiligen Landes, nämlich konkret die US-amerikanischen Kriege in der islamischen Welt, Kreuzzüge darstellten. Für ihn lässt sich ein Wandel in der amerikanischen Motivation dieser geopolitischen Unternehmungen feststellen. Das Jahr 1991 bedeutete für die USA einen riesigen Triumph, realisiert im Sieg gegen Saddam Hussein im zweiten Golfkrieg sowie in der Auflösung der UdSSR und dem Ende des Kalten Krieges – Ereignisse, die die USA wie einen Weltretter erscheinen ließen. Der Kampf gegen die Sowjetunion sei von einer ökonomisch-politischen Ideologie getragen worden, wohingegen der Kampf gegen den Islam seit 1991 von einem neuen politischen Diskurs geprägt worden sei, der ein differentes Verständnis von Kultur propagierte. Der Islam sei darin einerseits als vormodern und anderseits als anti-modern verstanden worden. Dies ermöglichte einen kulturellen Diskurs, der über Umwege auch die Religion als Teil der Kultur mit einbeziehe. In diesem Sinne könnten die amerikanischen militärischen Unterneh­mungen in der islamischen Welt als „kulturelle Kreuzzüge“ verstanden werden, so Al-Zoby. Auch in Michael Broers’ (University of Oxford) Vortrag spielte das Kulturkon­zept eine wichtige Rolle. Die napoleonischen Kampagnen seien von einer ideologisch motivierten Art einer Kreuzzugsidee getragen worden, da sie im Zeichen eines kulturellen Imperialismus zur Befreiung der eroberten Territorien und eines Kriegs gegen das Ancien Régime standen.



Im zweiten Teil der Konferenz, „Reflections and Teaching“, befassten sich die Teilneh­mer/innen mit der Rolle der Kreuzzüge im heutigen Geschichtsunterricht.

Björn Onken (Universität Kassel) – selbst Geschichtslehrer – machte deutlich, dass die Rolle des Themas „Kreuzzüge“ im Fach Geschichte immer weniger Platz einnimmt. Im föderalistisch strukturierten deutschen Schulsystem hätten einige Bundesländer die „Kreuzzüge“ bereits komplett gestrichen. Dies sei evtl. damit zu erklären, dass die Lehrpläne generell zu stark überladen seien und die Kreuzzüge eines der Themen, die nun dem Versuch, den Lehrplan zu erleichtern, zum Opfer fielen. Hinzu komme, dass der Unterricht noch immer chronologisch erfolge, so dass sich die Schüler/innen in einem sehr jungen Alter mit der komplexen Thematik der Kreuzzüge beschäftigten. Häufig sei dies die einzige Behandlung des Nahen Ostens und der muslimischen Kultur(en) vor der Beschäftigung mit dem Nah-Ost-Konflikt in der Oberstufe, wenn für diesen überhaupt noch Zeit bliebe. Dabei böten die Kreuzzü­ge sehr gute Möglichkeiten, auch den (friedlichen) Kulturkontakt und -austausch von Christentum und Islam sowie von „Europa“ und dem „Orient“ zu thematisieren – beispielsweise anhand des Kreuzzugs des deutschen Kaisers Friedrich II., der nur selten zu den üblich behandelten Kreuzzügen gehöre.

Sven Tode (Universität Hildesheim) erklärte, dass der Überfüllung des Curriculums einerseits und der vernachlässigten, obwohl reichhaltigen Thematik der Kreuzzüge andererseits durch eine Kategorisierung des Lehrplans entgegen gewirkt werden könne. Statt eines chronologischen Aufbaus sei ein diachroner Zugang zu empfehlen, gegliedert von Gesetzmäßigkeiten, die sich im Laufe des Geschichtsunterrichts eines/r Schülers/in wiederholten. Die anschließende Diskussion zeigte, dass eine solche Neustrukturierung durchaus als sinnvoll angesehen, aber ihre Realisierung jedoch für fragwürdig gehalten wurde.

Anschließend präsentierte Felix Hinz einen Einblick in seine Analyse von 119 deutsch­sprachigen historischen Romanen zum Thema „Kreuzzüge“. Die von Sir Walter Scott in den 1820er Jahren begründete Gattung spiegele Ideale und Vorstellungen des 19. Jahrhunderts wider und lasse dabei bewusst fiktive und kontrafaktische Elemente einfließen. Auch heute noch spiele das Thema „Kreuzzüge“ eine Rolle unter den Jugendromanen, doch habe sich die Perspektive gedreht. Anstelle des tapferen, heroi­schen Kreuzritters sei ein nachdenklicher, auch zweifelnder Protagonist getreten, der seine Mission im Heiligen Land durchaus auch hinterfrage.

Dieser Wandel von einer nationalistischen und glorifizierenden Darstellung der Kreuzzüge und ihrer Akteure vom 19. Jahrhundert bis zur derzeitigen, in Litera­tur, Wissenschaft und Schule vorherrrschenden Narrative kann auch als Zeichen gese­hen werden, dass die „Kreuzzüge“ im heutigen Geschichtsunterricht durchaus nicht nur Kenntnisse über Ritterorden und das Verhältnis von Staaten und der katholischen Kirche vermitteln können. Dieser Wandel zeigt aber auch die Flexibilität des Konzepts der Kreuzzüge, das für politische und propagandistische Zwecke immer wieder instru­mentalisiert wird, da der Begriff „Kreuzzüge“ noch Jahrhunderte nach den eigentli­chen historischen Ereignissen einen weitreichenden Sinngehalt besitzt.

(Dieser Konferenzbericht stellt lediglich eine unvollständige Zusammenfassung der Vorträge dar.)

Autoren

Ines A. Guhe, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung

 

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Internationale Konferenz vom 16./17.12.2011
Crusades of the Middle Ages and in the Modern Era: History - Reflections - Teaching
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