Im Dienst der Sowjetmacht. Geheimhaltung und Verfälschung von Karten in UdSSR und DDR (Kurt Brunner)

Zusammenfassung

Karten beinhalten Geoinformationen von hohem Wert. Deshalb werden diese immer wieder aus Gründen der Landessicherheit aber auch zur Wahrung wirtschaftlicher Belange geheim gehalten oder inhaltlich manipuliert. Höhepunkt der Vorenthaltung und Verfälschung stellt jedoch jenes dar, was sowjetische Kartographen und ihre Kollegen in der DDR leisteten.

Nach dem Fall der Berliner Mauer vor zwanzig Jahren als Folge des politischen Umbruchs im Osten wurde in der Presse der alten Bundesrepublik über Geheimhaltung und Verfälschung von Karten in der DDR berichtet. So titelte die Süddeutsche Zeitung am 27.05.1999 mit „Spiel mit gezinkten Karten“. „SED ließ auch Landkarten fälschen“ berichtete Die Welt am 20.06.1990. Unter der Überschrift „Amtliche Irreführung“ belegt Der Spiegel in Heft 34/1990, dass unter anderem das SED-Prominentengetto Wandlitz nicht in Landkarten eingetragen war.

In der DDR waren tatsächlich Landkarten entweder nicht zugängig oder nur mit reduzierten und verfälschten Informationen zu erhalten. Genaue amtliche topographische Karten waren den bewaffneten Organen vorbehalten. Dem DDR-Bürger standen zwar die Touristikkarten der Verlagskartographie zur Verfügung, aber diese waren nur begrenzt brauchbar. So war auf Stadtplänen der Hauptstadt der DDR Westberlin eine weiße Fläche, unbewohntes Gebiet also, das aber gut mit der S-Bahn erschlossen war und zu den Übergangsstellen führte.
 

Abbildung 1: Stadtplan Hauptstadt der DDR. Westberlin als weiße Fläche, unbewohntes Gebiet also, aber gut mit einer S-Bahn erschlossen und durch Übergangsstellen zugänglich. VEB Tourist Verlag 1988.

Grenzgebiete waren in Karten, die dem Normalbürger der DDR zugänglich waren, zumeist nicht dargestellt; deshalb berichtete die Berliner Morgenpost hierüber unter dem Titel „Grenzenlose DDR“. In Straßenkarten wurde das Ausland – und keineswegs nur kapitalistische Länder, sondern auch der sozialistischen Bruderländer – nicht, oder mit einer bemerkenswert „verdünnten“ Landschaft gezeigt (Abb. 2).
 

Abbildung 2: Grenzgebiet der DDR. Bundesrepublik Deutschland und CSSR sind mit einer „verdünnten“ Landschaft ausgestattet. Reise- und Verkehrskarte 1:200.000, Blatt 7. VEB Tourist Verlag 1978.

Nach der Wende machten Kartenverlage der DDR mit Slogans wie „Unverzerrt“ oder „Neu – ohne Verzerrung“ Werbung für unverfälschte Karten. Die DDR-Bürger wussten, dass ihnen die SED-Führung weitgehend unbrauchbare Karten auftischte (Abb. 3). 

Abbildung 3: Umschlagtitel von Stadtplänen, die mit „Unverzerrt“ und „Neu – ohne Verzerrung“ auf nunmehr unverfälschten Karteninhalt hinwiesen (Landesvermessungsamt Mecklenburg-Vorpommern und Verlag Geodäsie und Kartographie um 1990).

Fachleute im Westen hatten von der Geheimhaltung von Karten im Ostblock natürlich Kenntnis; auch die Manipulation von zugänglichen Karten war Experten bekannt. US-Militärs und europäischen Kartographen war wiederholt aufgefallen, dass kartographische Produkte nicht nur in der DDR, sondern im gesamten ehemaligen Ostblock und auch anderswo durch Verfälschung des Karteninhalts verfälscht wurden.

Das groteske, nur aus den völlig überzogenen Sicherheitsbedürfnissen der politischen Führung erklärbare Geheimhalten von Karten und das Verfälschen von Karteninhalten, wie es in den Staaten des Warschauer Pakts praktiziert wurde, ist indes nichts Neues. Topographische Karten enthalten nämlich Geoinformation von nicht nur militärischem Wert. Daher wurden und werden topographische Karten immer wieder aus Gründen der Landessicherheit oder früher zur Wahrung wirtschaftlicher Belange geheim gehalten oder inhaltlich verändert. Dies soll im Folgenden kurz aufgezeigt werden.
 

Geheime, falsche und gefälschte Karten

Der beträchtliche Wert guter Land- und Seekarten war schon immer Anlass, sie geheim zu halten oder zu verfälschen.



 

Die Mächtigen halten ihre Karten geheim

Entdeckungen von bisher unbekannten Gebieten wurden vor allem in der frühen Neuzeit geheim gehalten. Man wollte nicht, dass auch andere hiervon Kenntnis erhielten. Aber auch genaue Karten europäischer Gebiete blieben oftmals geheim. 

Entdeckungsreisen

Die Ergebnisse der großen Entdeckungsreisen zu Beginn der Neuzeit waren von gewichtigem politischem und wirtschaftlichem Interesse, so dass Informationen hierüber – und somit auch Karten – lange geheim blieben und daher auch vielfach später verloren gingen. Unmittelbar nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus im Jahre 1492 und des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama (1497) verschwanden Aufzeichnungen über die Wege dorthin in den Geheimarchiven Spaniens und Portugals in Sevilla und Lissabon. Die Weitergabe von Karten entdeckter Gebiete und Segelanweisungen stand unter Strafe; in Portugal drohten Folter und sogar Hinrichtung für das Abzeichnen von Karten.
Hundert Jahre später sorgte man sich auch in den Niederlanden um die Geheimhaltung von Informationen über die entdeckten Länder, die ja zu beträchtlichem Reichtum führten und so blieb jegliches Kartenmaterial hierüber geheim. Das Gebäude der Vereenigde Oostindische Compagnie, in welchem die See- und Landkarten verwahrt wurden, brannte Ende des 17. Jahrhunderts ab, sodass bis auf Ausnahme einiger weniger Kopien das gesamte Kartenmaterial verloren ging. Diese wenigen Kopien waren Bestandteil privat genutzter Kartensammlungen, so auch einige Karten im sog. Atlas van der Hem, der über Umwege nach Wien kam und dort zu den Zimelien der Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek zählt (Abb. 4).
 

Abbildung 4: Kartenausschnitt aus dem Atlas van der Hem. Kartensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (reproduziert mit Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek, Bildarchiv).

Erst im 17. Jahrhundert ging die Geheimhaltung von Seekarten zurück und in den Niederlanden wurde die Publikation von Karten ein wichtiger Geschäftszweig. 

Mitteleuropa wird kartiert

Im 16. und 17. Jahrhundert entstanden in Mitteleuropa erste topographische Landesaufnahmen und Regionalkarten. Regionalkarten dienten vorwiegend selbstbewussten Landesherren zur Dokumentation ihrer Territorien. Ihrem repräsentativen Zweck entsprechend und infolge der relativ kleinen Maßstäbe (rund 1:100.000 bis 1:750.000) stellten sie kein Risiko für die Landessicherheit dar und wurden deshalb in den meisten Fällen gedruckt.

Anders war dies bei den genauen Landesaufnahmen, die seinerzeit für die Verwaltung aber auch zu militärischen Planungen erstellt wurden. Sie hatten größere Maßstäbe, als die Regionalkarten. Die Ergebnisse dieser Landesaufnahmen durften deshalb nur in Ausnahmefällen gedruckt werden. In der Regel verblieben sie aus Gründen der Geheimhaltung als handgezeichnete Manuskriptkarten nur für wenige Nutzer zugänglich.
 

Befestigte Städte

Ansichten von Befestigungsanlagen und befestigten Städten unterlagen
hauptsächlich bis zum Dreißigjährigen Krieg vorwiegend der Geheimhaltung
und durften somit nicht durch Druck vervielfältigt werden. So
konnte 1565 der Kartograph Daniel Specklin eine Karte von Straßburg
nicht fertig stellen, weil sie die Befestigung der Stadt darstellte. 1608
fertigte Hieronymus Braun eine umfangreiche und detailreiche Stadtkarte
von Nürnberg. Die Karte wurde von der Stadtverwaltung konfisziert
und landete im geheimen Stadtarchiv. 

Landesaufnahmen im 18. Jahrhundert

Vorreiter moderner Landesaufnahmen war in der Zeit des Spätabsolutismus
Frankreich. Hier entstand ab 1746 die Carte de France; sie wurde
zwischen 1765 und 1789 als Kupferstich gedruckt und war somit allgemein
zugänglich. Erst Napoléon Bonaparte verhinderte die Publikation
der letzten Blätter des Kartenwerks aus Gründen der Geheimhaltung.
Im Gegensatz hierzu waren die meisten Landesaufnahmen europäischer
Länder unzugänglich. So blieben Kartenaufnahmen in Preußen auf Befehl
Friedrich II. geheim. In den ausgedehnten Ländern der österreichischen
Donaumonarchie wurde als Folge der Defizite im Siebenjährigen Krieg
ab 1765 eine erste Landesaufnahme bearbeitet. Diese Landesaufnahme
war ein Geheimnis ersten Ranges. 

Karten für Jedermann

Nach Beendigung der Napoleonischen Kriege erfolgte fast überall in Europa
eine wesentliche Lockerung der Geheimhaltung von Karten. So
wurden in den deutschen Ländern nach und nach die topographischen
Karten gedruckt und somit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Einzelne Regionen und Staaten blieben aber bis zum Ende des vergangenen
Jahrhunderts bei der Geheimhaltung von Karten.
Im Deutschen Reich waren ab der Reichsgründung 1871 amtliche
topographische Karten aller Maßstäbe frei erhältlich. Erst während des
Ersten Weltkriegs gab es Verbote des Vertriebs von Karten der besetzten
Gebiete. Ab 1935 wurde jedoch die Darstellung bestimmter militärischer Einrichtungen und Anlagen in amtlichen topographischen Karten
untersagt. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden dann umfangreich
Verbote und Maßnahmen zur Geheimhaltung topograph-ischer Karten
erlassen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Geheimhaltung topographischer
Karten auch heute noch in vielen Staaten üblich. So sind Karten bis zum
Maßstab 1:1 Million selbst in einigen westlich orientierten Staaten nicht
zugänglich. 

Fälschen und Verfälschen

Falsche bzw. verfälschte kartographische Darstellungen gab es sicherlich
bereits früher; eindeutig nachweisbar sind sie aber erst ab dem 18. Jahrhundert.
Unter falschen Karten sind dabei solche zu verstehen, die etwa Entdeckungsreisen durch Falschinformation verhindern oder militärische Gegner
täuschten sollen. Falsche (gefälschte) Karten sind auch „geschönte“ Karten,
mit der man etwa Siedler für eigentlich wenig geeignete Kolonialgebiete
anlocken wollte.
Eine Fälschung von Karten liegt vor, wenn eine Manuskriptkarte in betrügerscher
Absicht auf altem Papier oder gar Pergament gezeichnet wird
und eine unrichtige oder manipulierte Geographie aufweist. Solche
Kartenfälschungen kennt die Kartographiegeschichte mehrfach; zumeist
konnten ihre Macher hohe Geldgewinne erzielen. Aufgedeckt werden solche
Fälschungen durch Altersbestimmungen des bezeichneten Papiers oder
Pergaments und durch eine Analyse der Tintenrezeptur.
Verfälschte Karten sind solche, die irreführen sollen, vor allem den militärischen
Gegner täuschen sollen. Verfälschte Karten werden auf der
Grundlage richtiger Karten erstellt, die es im Gegensatz zu gefälschten
Karten
gibt, die aber infolge einer Geheimhaltung nicht zugänglich sind. Ein
derartiges Verfälschen von Karten kann durchaus mit Tarnung umschrieben
werden.
Solche verfälschte, also bewusst veränderte und damit irreführende Darstellungen sind schon für das 18. Jahrhunderts verbürgt. So durfte eine von
Joseph Daniel von Huber um 1770 gefertigte Stadtkartierung Wiens erst gedruckt werden, nachdem er auf Anordnung des Hofkriegsrates die
Darstellung der Festungsanlagen so veränderte, dass sie nicht mehr der Realität
entsprechen. Abb. 5 gibt links die Originalzeichnung wieder; rechts ist
der entsprechende Ausschnitt der gedruckten Karte zu sehen. Hier ist die
Stadtbefestigung im Grundriss verändert, aber vor allem erscheint sie höher
und mächtiger.
Einen Höhepunkt der Verfälschung von Karten gab es in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts in den seinerzeitigen Ostblockstaaten, welche unter
Anleitung der Sowjetunion geschah. Darauf ist umfangreich einzugehen. 

Abbildung 5: Die Scenographie oder Geometrisch Perspect: Abbildung der Kayl: Königl: Haubt: u: Residenz Stadt Wien in Oesterreich von Joseph Daniel von Huber, um 1770.

Sowjetische Kartographie

Nach der Oktoberrevolution und dem folgenden Bürgerkrieg erhielt die
Kartographie in der 1922 gegründeten Sowjetunion einen hohen Stellenwert;
Wladimir I. Lenin erließ Dekrete zu Geodäsie und Kartographie und deren
Organisationsformen (Salistschew 1967). In den dreißiger Jahren übernahm
jedoch die Geheimpolizei die Kontrolle über kartographische Institutionen und
Produkte. 

Stalin ordnet Geheimhaltung an

Bald danach erfolgten auf Anordnung von Joseph Stalin die strenge
Geheimhaltung von Karten und die Verfälschung von Inhalten der noch
zugänglichen Karten. In der Regel gänzlich geheim gehalten waren bis zum
Ende der Sowjetunion topographische Karten mit Maßstäben ab dem
Maßstab 1:1 Million. Somit war auch die Internationale Weltkarte (IWK) im
Maßstab 1:1 Million geheim. Dieses Kartenwerk wurde – seit der
Veranlassung durch den deutschen Geographen Albrecht Penck im Jahre
1890 – für das Festland unserer Erde in internationaler Zusammenarbeit
hergestellt und war in den meisten Staaten zugänglich. Die Internationale
Weltkarte war nach dem Zweiten Weltkrieg auch in den von der Sowjetunion
abhängigen Staaten Verschlusssache und stand somit – trotz des kleinen
Maßstabs und somit in absurder Weise – nur den Herrschenden zur
Verfügung.
Die zumindest für einen Teil der Bevölkerung zugänglichen Karten kleinen
Maßstabs waren durchweg durch inhaltliche Defizite und Verfälschungen
wenig brauchbar und irreführend.
Aber selbst in der Sowjetunion war es nicht möglich, Karten insgesamt
unter Verschluss zu halten. Somit waren nach und nach auch Karten in
größeren Maßstäben, wie etwa auch Stadtpläne erhältlich. Durch fehlende
Maßstabsangaben und inhaltliche Verfälschungen waren sie aber nur
bedingt tauglich. 

Falsche Karten - Wahrung militärischer Sicherheit

Die Verfälschung topographischer Karten zur militärischen Sicherheit im
Sinne der Tarnung kann als ein durchaus legitimes militärisches Mittel
angesehen werden. Dies wurde von der Sowjetunion genutzt und brachte
der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg Vorteile. Die deutsche Wehrmacht
musste während des Zweiten Weltkriegs erkennen, dass ihr von den
Sowjets verfälschte Karten zugespielt wurden.
Die sowjetischen Dienste arbeiteten erfolgreich. So standen der Wehrmacht
zur Schlacht um Moskau Karten zur Verfügung, in welchen ausgebaute
Straßen sowie Ortschaften eingetragen waren. Die Ortschaften und ihre
Namen waren fingiert, die Straßen gab es nicht. Tatsächlich war das Gebiet
mit zahlreiche Schluchten und Sümpfen für einen militärischen Vormarsch
denkbar ungeeignet (Kalinow 1950).
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten – wohl auch auf Grund eines
traumatischen Sicherheitsbestrebens der Sowjetunion nach dem Überfall
Hitlers – umfassend neben der Geheimhaltung von Karten auch Verfälschungen
von Karten aller Art. Mitte der sechziger Jahre verschärfte sich
dies und nun wurden auch die Satellitenstaaten mit einbezogen. 

Ein Weltkartenwerk mit Mängeln

Zwischen 1964 und 1978 entstand als Gemeinschaftswerk der sozialistischen
Staaten Bulgarien, ĈSSR, DDR, Polen, Rumänien, UdSSR und
Ungarn das Kartenwerk Karta Mira im Maßstab 1:2,5 Millionen. Die Karta
Mira deckte die gesamte Erdoberfläche ab und war mit einem lateinischen
Alphabet beschriftet. Die Kartenblätter für Südamerika wurden von
kartographischen Betrieben der DDR bearbeitet.
Allerdings lieferte das Kartenwerk im Bereich der Sowjetunion auch
verfälschte Informationen, worauf im Folgenden eingegangen wird. [1]

Merkwürdige Wanderungen

Verfälschungen von Karteninformationen wurden jedoch nicht nur bei topographischen Karten durchgeführt, sondern auch in Karten kleineren
Maßstabs, die militärisch und strategisch belanglos waren. Deutsche Kartographen, die nach dem Zweiten Weltkrieg im westlichen Teil Deutschlands
neue Atlanten herstellten und hierzu unter anderem den Großen Atlas der
Sowjetunion von 1939 und später den modernen sowjetischen Atlas Mira
nutzen wollten, stellten zumindest Ungereimtheiten fest. Der Atlas Mira
erschien erstmals 1954; die zweite Ausgabe erfolgte 1967 in zwei Versionen,
zum einen mit kyrillscher Beschriftung und zum anderen in englischer
Sprache mit lateinischer Schrift.
Fachdienste der US-Armee bemerkten diese Verfälschungen gleichfalls.
Anfang der 1980er Jahre stellten sie merkwürdige Wanderungen der
Ortschaften Salmi am Ladogasee und Logaškino an der Küste des Ostsibirischen
See fest und dokumentierten dies (Anonym 1970). Über diese
Wanderungen berichteten auch der amerikanische Kartograph Monmonier
(1991 und 1996) und niederländische Fachleute. Vom Verfasser wurden
diese Wanderungen nachvollzogen, überprüft und später erweitert (Brunner
2002 und 2003).
Im Folgenden werden diese merkwürdigen Wanderungen am Beispiel der
Ortschaften

  • Sestroreck (kyrillisch: Сестроренк), nordwestlich von Sankt Petersburg mit 60°06' nördlicher Breite und 29°58' östlicher Länge
  • Salmi(Салми), am Ostufer des Ladogasees mit 61°22' nördlicher Breite und 31°53' östlicher Länge
  • Logaškino (Лозащкцно), an der Küste des Ostsibirischen See mit 70°51' nördlicher Breite und 153°55' östlicher Länge

anhand von Karten aus dem

  • Bolschoi Sowjenski Atlas Mira (Großer Weltatlas der Sowjetunion) von 1939
  • Atlas Mira (Weltatlas), Auflagen von 1954 (erste Auflage) und 1967 (in englischer Beschriftung; siehe oben)
  • Atlas SSSR (Atlas der UdSSR) von 1962 und 1969

sowie der

  • Karta Mira, Maßstab 1:2,5 Millionen von 1967 (siehe weiter oben) gezeigt.

Die Stadt Sestroreck (Сестроренк), am Nordufer des finnischen Meerbusens,
westlich von Sankt Petersburg (von 1924 bis 1991: Leningrad
(Ленинград)) gelegen, wechselt wiederholt ihre Lage von der (korrekten)
westlichen Seite des 30°-Meridians auf die östliche Seite. Korrekt
eingetragen ist die Stadt im Atlas der UdSSR (c), Ausgabe 1962 (Abb. 6).
Östlich des Meridians, also verfälscht, findet sich Sestroreck sowohl im Atlas
Mira
(b), Auflage 1967 (Abb. 7) als auch in der Karta Mira (d) von 1967
(Abb. 8).
Die Stadt Salmi (Салми) an der Ostküste des Ladogasees, findet sich
ebenso abwechselnd westlich und östlich des 32°-Meridians positioniert.
Karelien und somit auch Salmi musste 1940 von Finnland an die
Sowjetunion abgetreten werden; daher war der Eintrag im Großen Weltatlas
der Sowjetunion
(a) von 1939 korrekt. Auch in der ersten Auflage des Atlas
Mira
(b) von 1954 und im Atlas der UdSSR (c), Ausgabe 1962 (Abb. 6) ist
die Lage der Stadt Salmi richtig. Ab 1967 wandert sie aber nach Osten: im
Atlas Mira (b), Auflage 1967 (Abb. 7), in der Karta Mira (d) von 1967 (Abb.
8) und im Atlas der UdSSR (c), Ausgabe 1969 ist die Ortschaft rechts des
32°-Meridians zu finden (Brunner 2002). 

Abbildung 6: Kartenausschnitt aus dem Atlas der UdSSR, Auflage 1962: Die Städte Sestroreck und Salmi sind korrekt eingetragen.
Abbildung 7: Kartenausschnitt aus dem Atlas Mira, Auflage 1967: Die Städte Sestroreck und Salmi liegen falsch östlich des 30°- bzw. des 32°-Meridians.
Abbildung 8: Kartenausschnitt aus der Karta Mira von 1967: Die Städte Sestroreck und Salmi liegen falsch östlich des 30°- bzw. des 32°-Meridians.

Sogar im äußersten Sibirien blieb alles in Bewegung: die Siedlung
Logaškino (Лозащкцно) nahe der Küste der Ostsibirischen See am Fluss
Alaseja, wechselte auf Karten nach 1965 die Flussseite und die Lage zum
154°-Meridian (Brunner 2002).
Dies soll beispielhaft für die Vermittlung falscher Informationen in
zugänglichen Karten der Sowjetunion bis Ende der achtziger Jahre des
vergangenen Jahrhunderts sein. Ein verordnetes, sinnloses Verwirrspiel, das
keinem Sicherheitsbestreben nützen konnte. 

Perestroika und Glasnost

Nach dem politischen Umbruch in den sozialistischen Ländern und dem
Ende der Sowjetunion im Jahre 1991 wurden im Rahmen von Perestroika
und Glasnost die Verordnungen zur Geheimhaltung und Verfälschung von
Karten aufgehoben; danach und gegenwärtig sind Karten Russlands auch in
größeren Maßstäben – zumindest meistens – zugänglich.

Viele dieser Maßnahmen zur Geheimhaltung und Verfälschung von Karten in
der Zeit von 1930 bis 1990 sind aus dem Spannungsverhältnis zum Westen
und dem Kalten Krieg her zu verstehen. Der wirkliche Kalte Krieg der
Kartographie spielte sich aber in den militärisch relevanten topographischen
Karten ab. 

Fälschung der Landschaft – Potemkin lässt grüßen

In Russland wurden aber nicht nur Karten als Darstellung der Landschaft
gefälscht sondern auch die Landschaft selbst. Aus Anlass des Besuchs von
Kaiserin Katherina der Großen auf der Krim im Jahre 1787 soll Fürst Grigorij A.
Potemkin, seit 1774 Günstling und engster Berater der Kaiserin, einen Befehl
zur Errichtung von Dorfattrappen gegeben haben, um der Zarin einen nicht
vorhandenen Wohlstand in dieser Region vorzutäuschen (Potemkinsche
Dörfer).
Brunner – Geheimhaltung und Verfälschung von Karten in UdSSR und DDR
berichtet als Zeuge der Geograph und Kartograph Wolfgang Pillewizer. Nach
dem Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt (Hitler-Stalin-Pakt) und dem
folgenden Einmarsch deutscher und sowjetische Truppen im September 1939
wurde Polen in einem geheimen Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischer
Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 Polen entlang der
Flüsse Narew, Bug und San in ein deutsches und ein sowjetisches Gebiet
aufgeteilt. Im Bereich von Brest-Litowsk sollte dabei der Fluss Bug die Grenze
bilden; dieser floss durch die Zitadelle von Brest-Litowsk (Abb. 9). 

Abbildung 9: Brest-Litowsk in der amtlichen polnischen topographischen Karte im Maßstab 1:25.000. Zusammensetzung von Blatt 4037-C Brzesc und Blatt 4037-F Terespol, 1925.

Vor dem Eintreffen deutscher Truppen haben jedoch sowjetische Einheiten den
Bug durch Wassergräben umgeleitet, so dass das gesamte westliche Vorfeld
der Zitadelle östlich des Bugs im sowjetischen Einflussbereich lag (Pillewizer
1986).
Dies lässt sich gut durch topographische Karten belegen. Abb. 9 zeigt einen
zusammengesetzten Ausschnitt aus den amtlichen polnischen topographischen
Karten im Maßstab 1:25.000 von Blatt 4037-C Brzesc und Blatt 4037-F
Terespol vom Jahre 1925. Der Fluss Bug fließt durch die Zitadelle. Abb. 10
bringt einen Ausschnitt aus der sowjetischen topographischen Karte im Maßstab
1:50.000, Blatt N-34-144-G БРЕСТ (Brest) vom Jahre 1986. Der verlegte
Wasserlauf verblieb östliche Staatsgrenze der Sowjetunion und bald darauf
von Weißrussland. 

Abbildung 10: Brest-Litowsk in der sowjetischen topographischen Karte, Maßstab 1:50.000, Blatt N-34-144-G БРЕСТ (Brest), 1986.

Potemkinsche Dörfer gab es dann noch im Verlaufe des Zweiten Weltkriegs. In
der Schlacht am Kursker Bogen im Juli/August 1943 hatten sowjetische Einheiten wohl erstmals die Möglichkeit, sich auf einen deutschen Angriff
vorzubereiten. So bauten sie falsche Flughafenanlagen voller Sperrholzflugzeuge und Aufmarschstellungen mit Panzerattrappen und täuschten damit die Wehrmacht erfolgreich über die wahren Stellungen der Roten Armee.  

Der Kalte Krieg und die Kartographie der DDR

Die zunehmende Konfrontation der beiden Blöcke nach dem Zweiten Weltkrieg
hatte auch für die Kartographie Konsequenzen, die nach dem Mauerbau in
Berlin 1961 und der Kubakrise 1962 besonders deutlich wurden. Der Kalte
Krieg
hatte zur Folge, dass die meisten europäischen Staaten ihre Kartenwerke modernisierten; diese waren zunächst im Allgemeinen zugänglich.
Ab 1965 standen jedoch amtliche topographische Karten in den Staaten des
Warschauer Pakts ausschließlich den Militärs zur Verfügung. Auf der VII.
Konferenz der Geodätischen Dienste der sozialistischen Länder vom 15. bis 25.
September 1965 in Moskau wurde von der Sowjetunion angeordnet, dass die
Nutzung topographischer Karten auf die bewaffneten Organe beschränkt sein
musste. Weiter wurde verlangt, dass in zugänglichen Karten mit Maßstäben
größer 1:1 Million das Kartengitter und geographische Netzlinien zu verzerren
seien und der Karteninhalt Lageungenauigkeiten beinhalten müsse. Am 13.
Oktober 1965 erfolgte der entsprechende Beschluss des Nationalen Verteidigungsrates der DDR. 

Karten der DDR

Nach Gründung der DDR im Jahre 1949 geschah zunächst eine Weiterbearbeitung
der alten Reichskarten. Ab Mitte der fünfziger Jahre wurde eine völlig neue Bearbeitung topographischer Karten nach dem Vorbild der Sowjetunion im einheitlichen sowjetischen Koordinatensystem 42 auf der Grundlage des Erdellipsoids von Krassowsky begonnen. Es entstanden erstklassige Karten in den Maßstäben 1:10.000, 1:25.000, 1:50.000, 1:100.000, 1:200.000, 1:500.000, 1:1 Million und 1:1,5 Millionen (Haack 1996; Schirm 1993). 

Ein Dekret von 1965

Gemäß Beschluss des Nationalen Verteidigungsrates der DDR von 1965
(siehe oben) wurden diese Karten ausschließlich als Vertrauliche
Verschlusssache
(VVS) für die bewaffneten Organe erstellt. Neben
diesen topographischen Karten, die als Ausgabe Staat (AS) vom Ministerium
für Nationale Verteidigung herausgegeben wurden, entstanden
nun zusätzlich Karten für die Verwaltung, die Ausgabe Volkswirtschaft
(AV), welche vom Ministerium des Inneren herausgegeben wurden. 

Ausgabe für die Volkswirtschaft

Die Ausgabe Volkswirtschaft unterschied sich zur Ausgabe Staat durch
inhaltliche Defizite (TPs, Höhenkoten topographisch interessanter Punkte,
usw. fehlten), Verzerrungen sowie das Weglassen und Verfälschen
größerer Bereiche, wie militärischer Einrichtungen und Wohnanlagen.

Weiterhin hatten die AV-Karten eine andere Blattnummerierung und
Veränderungen an der Kartenbegrenzungslinie durch Drehungen und
Scherungen im Bereich von etwa einem Millimeter. Als Kartengitter fand
das Gauß-Krüger-Gitter der alten Reichskarten von vor 1945 Verwendung,
wobei der Hochwert unterschiedlich um ca. 100 m verschoben
war.

Die hohe Qualität der Ausgabe Staat wurde also wesentlich gemindert. Hierzu wurden von Militärgeographischen Dienststellen des Ministeriums für Nationale Verteidigung so genannte Tarnungsvorlagen im Maßstab 1:10.000 erstellt (Abb. 11), die zu tilgende Karteninhalte und die Versetzung der artenbegrenzungslinie festlegten. Diese Tarnungsvorlagen dienten zunächst der Bearbeitung der AV-Karte im Maßstab 1:10.000 (Abb. 12) und dann den Folgemaßstäben.

Abbildung 11/12:
Abbildung 13/14:
Abbildung 15/16:

Es verbleibt noch darauf hinzuweisen, dass selbst die AV-Karte Vertrauliche Dienstsache (VD) und somit schätzungsweise nur für etwa 5% der DDR-Bevölkerung zugänglich war. 

Karten für den Tourismus

In der DDR wurde unter Verlagskartographie der Bereich der
Kartenproduktion verstanden, der Karten für die Öffentlichkeit herstellte,
die über den Buchhandel vertrieben wurden. Die Verlags-kartographie
unterstand seit 1964 dem Ministerium für Kultur (Pustkowski 1981).
Diese Produkte waren Atlanten und Karten für den Tourismus. Auch hier
waren Manipulationen und Verfälschungen des Karteninhalts die Regel
(Pobanz 2002).
So fehlten in diesen Produkten nicht nur militärische Einrichtungen und
jene der Staatsicherheit, sondern auch Industrie- und Eisenbahnanlagen
wurden zumindest stark vereinfacht dargestellt. Ab 1967 erhielten
Stadtpläne durch einen gleitenden Maßstab Verzerrungen, die keine
Streckenmessungen zuließen. Überdies fehlten Maßstabsleisten und der
numerische Maßstab war allenfalls als Zirka-Angabe angegeben. Nach
1961 wurde in Stadtplänen der Hauptstadt der DDR das besondere politische
Gebiet Westberlin als nicht besiedeltes Gebiet abgebildet (Abb.1).
Für Tourismuskarten mussten die Blattschnitte so verändert werden,
dass die Staatsgrenze und grenznahe Gebiete nicht mehr Inhalt der
Karten waren. Wanderkarten waren inhaltsarm und wiesen Verzerrungen
auf. Diese mangelnde Qualität führte oftmals zu Beschwerden der
Kartenbenutzer.
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Die Wende

Bereits 1990 gab die Verlagskartographie unverfälschte Stadtpläne und
Tourismuskarten heraus und machte hierfür einschlägige Werbung
(Abb.3). Nach der Wiederherstellung der Länder im Juli 1990
bearbeiteten die nun gegründeten Landesvermessungsämter die einst
zentral bearbeiteten Karten der korrekten Ausgabe Staat (AS) als für
jedermann zugängliche amtliche topographische Karten auf Länderebene
weiter. Lediglich der Blattschnitt wurde so geändert, dass er jenem
der alten Reichskarten und dem der alten Bundesrepublik entsprach. Die
Karten der Ausgabe Volkswirtschaft (AV) wurden Makulatur.
Nach genau 25 Jahren standen für diesen Teil Deutschlands also wieder
für jedermann genaue topographische Karten zur Verfügung. Der Unfug
der Geheimhaltung und Verfälschung hatte nun ein Ende. Eine volkswirtschaftlich
nicht akzeptable Doppelbearbeitung, welche die Volkswirtschaft
behinderte und unmündige Bürger desinformierte, gab es nicht
mehr.
Der Nutzen der 1965 gefassten Beschlüsse war gleich Null. Die NATO
hatte geeignete genaue Kartenwerke. Den Schaden hatte lediglich die
eigene Bevölkerung. 

Bibliographie

Anonym: Soviet Cartographic Falsification. In: The Military Engineer 62 (1970) 6, Washington D.C. pp. 389-391.

Brunner, K.: Geheimhaltung und Verfälschung von Karten aus militärischen
und politischen Gründen. In: Unverhau, D. (Hrsg.): Kartenverfälschung als
Folge übergroßer Geheimhaltung? Eine Annäherung an das Thema Einflußnahme der Staatssicherheit auf das Kartenwesen der DDR. Referate der Tagung des BStU vom 08.-09.03.2001 in Berlin. Archiv zur DDR-Staatssicherheit Band 5, Münster 2002, S. 161-175.

Brunner, K.: Geheimhaltung topographischer Karten und Manipulation ihres
Inhalts. In: Allgemeine Vermessungs-Nachrichten 110 (2003) 5, S. 183-188.

Haack, E.: Dokumentation über die Herstellung und Fortführung der amtlichen Kartenwerke der ehemaligen DDR (1945-1990). In: Nachrichten aus dem Karten- und Vermessungswesen Reihe I-116, Frankfurt/Main 1996, S. 5-59.

Kalinow, K. D.: Sowjetmarschälle haben das Wort, Hamburg 1950.

Monmonier, M.: How to Lie with Maps, Chicago 1991.Monmonier, M.: Eins zu einer Million. Die Tricks und Lügen der Kartographen,
Basel, Boston und Berlin 1996.

Pillewizer, W.: Zwischen Alpen, Arktis und Karakorum. Fünf Jahrzehnte kartographische Arbeit und glaziologische Forschung, Berlin 1986.

Pobanz, W.: Topographische Veränderungen in den Karten der Verlagskartographie der DDR. In: Unverhau, D. (Hrsg.): Kartenverfälschung als Folge übergroßer Geheimhaltung? Eine Annäherung an das Thema Einflußnahme der Staatssicherheit auf das Kartenwesen der DDR. Referate der Tagung des BStU vom 08.-09.03.2001 in Berlin. Archiv zur DDR-Staatssicherheit Band 5, Münster 2002, S 193-212.

Pustkowski, R.: Die Verlagskartographie in der Deutschen Demokratischen
Republik. Ein Beitrag zu Entwicklung und Aufgaben, Gotha 1981.

Salistschew, K. A.: Einführung in die Kartographie, Gotha und Leipzig 1967.

Schirm, W.: Die topographischen Kartenwerke der DDR. In: Kartographisches Taschenbuch 1992/93, Bonn-Bad Godesberg 1993, S. 13-20.

Unverhau, D. (Hrsg.): Kartenverfälschung als Folge übergroßer Geheimhaltung? Eine Annäherung an das Thema Einflußnahme der Staatssicherheit auf das Kartenwesen der DDR. Referate der Tagung des BStU vom 08. - 09.03.2001 in Berlin. Archiv zur DDR-Staatssicherheit Band 5, Münster 2002.

Zitierhinweis

Brunner, Kurt. „Im Dienst der Sowjetmacht. Geheimhaltung und Verfälschung von Karten in UdSSR und DDR.“ In Die Macht der Karten oder: was man mit Karten machen kann, hg. v. Freundeskreis der Prof. Dr. Frithjof Voss Stiftung und Georg-Eckert-Institut. Eckert.Dossiers 2 (2009). http://www.edumeres.net/urn/urn:nbn:de:0220-2009-0002-074.

Autoren

Prof. Dr. Kurt Brunner
Lehrstuhl für Kartographie und Topographie
Universität der Bundeswehr München
Werner-Heisenberg-Weg 39
85577 Neubiberg 

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